Letzter Gruß

Friedrich Hebbel

1829

Jungfraunbilder, früh erblichen, In dem Haar den Myrtenkranz, Dämmernd-schwebende Gestalten, Steigen auf bei Mondenglanz.

Wollt ihr mit den weißen Händen, Die den Knaben nie gedrückt, Halb verwelkte Rosen brechen, Weil kein Fröhlicher sie pflückt?

Wollt ihr mit den kalten Lippen, Die kein Jüngling warm geküßt, Aus den Blütenkelchen trinken, Die der Schmetterling vergißt?

Oder wollt ihr still erkunden, Wenn ihr, wie im Traum, euch zeigt, Ob euch aus dem treusten Herzen Noch ein leerer Seufzer steigt?

Eine tritt zu mir ans Lager, Ach, ich träumte nicht von ihr, Aber, abendrot-umgossen, Steht sie jetzt, wie einst, vor mir.

Immer lächelnd, immer freundlich, Und erst in dem letzten Schmerz Preßte sie, zusammensinkend, Ihre Hand aufs arme Herz!

Ach, ihr Herz war wie ein Siegel: Erst als es gebrochen war, Wurde mir sein schaurig-süßes, Himmlische Geheimnis klar!

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Illustration zu Letzter Gruß

Interpretation

Das Gedicht "Letzter Gruß" von Friedrich Hebbel beschreibt einen nächtlichen Traum, in dem der Sprecher von Erinnerungen an verstorbene Frauen heimgesucht wird. Die "Jungfraunbilder" erscheinen wie schwebende Gestalten im Mondenglanz und stellen Fragen über ihre Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung, die ihnen im Leben verwehrt blieb. Sie fragen sich, ob sie noch einen Platz in den Herzen der Lebenden haben und ob ihre Erinnerung noch von Bedeutung ist. Eine der Frauen tritt besonders hervor und steht dem Sprecher am Krankenbett gegenüber. Es ist eine Frau, von der der Sprecher nicht geträumt hatte, die aber nun in ihrer ganzen Schönheit und Freundlichkeit vor ihm steht, wie einst zu Lebzeiten. Der Sprecher erinnert sich an den Moment ihres Todes, als sie ihre Hand aufs Herz drückte und dabei einen letzten, schmerzhaften Seufzer ausstieß. Ihr Herz war wie ein Siegel, das erst im Moment des Todes sein Geheimnis preisgab und dem Sprecher die wahre Bedeutung ihrer Liebe und Zuneigung offenbarte. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Frage nach dem Fortbestand der Liebe über den Tod hinaus. Die Frauen im Traum suchen nach Bestätigung ihrer Existenz und der Bedeutung ihrer Liebe. Die letzte Frau, die dem Sprecher am Krankenbett erscheint, symbolisiert die Erkenntnis, dass wahre Liebe und Zuneigung oft erst im Moment des Abschieds vollständig verstanden und gewürdigt werden. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Melancholie und die Erkenntnis, dass die schönsten und tiefsten Emotionen oft mit Schmerz und Verlust verbunden sind.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Bildlichkeit
Mit den kalten Lippen, Aus den Blütenkelchen trinken
Erkenntnis
Erst als es gebrochen war, Wurde mir sein schaurig-süßes, Himmlische Geheimnis klar
Hyperbel
Oder wollt ihr still erkunden, Wenn ihr, wie im Traum, euch zeigt
Kontrast
Immer lächelnd, immer freundlich, Und erst in dem letzten Schmerz
Metapher
Ach, ihr Herz war wie ein Siegel
Personifikation
Dämmernd-schwebende Gestalten, Steigen auf bei Mondenglanz
Rhetorische Frage
Wollt ihr mit den weißen Händen, Die den Knaben nie gedrückt, Halb verwelkte Rosen brechen, Weil kein Fröhlicher sie pflückt?
Symbolik
Abendrot-umgossen