Letzter Abend
1926(Aus dem Besitze Frau Nonnas)
Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train des ganzen Heeres zog am Park vorüber. Er aber hob den Blick vom Clavecin und spielte noch und sah zu ihr hinüber
beinah wie man in einen Spiegel schaut: so sehr erfüllt von seinen jungen Zügen und wissend, wie sie seine Trauer trügen, schön und verführender bei jedem Laut.
Doch plötzlich wars, als ob sich das verwische: sie stand wie mühsam in der Fensternische und hielt des Herzens drängendes Geklopf.
Sein Spiel gab nach. Von draußen wehte Frische. Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische Der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.
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Interpretation
Das Gedicht "Letzter Abend" von Rainer Maria Rilke beschreibt einen letzten gemeinsamen Abend zwischen einem Musiker und einer Frau, der durch den Vorbeimarsch eines Heeres gestört wird. Der Musiker spielt auf dem Clavecin und blickt dabei zu der Frau hinüber, die er wie in einem Spiegel sieht. Er ist erfüllt von seinen jungen Zügen und weiß, wie sie seine Trauer tragen, schön und verführerischer bei jedem Laut. Plötzlich scheint sich die Szene zu verwischen, und die Frau steht mühsam in der Fensternische und hält das drängende Geklopf ihres Herzens. Das Spiel des Musikers gibt nach, und von draußen weht frische Luft herein. Auf dem Spiegeltisch steht nun ein schwarzer Tschako mit einem Totenkopf, was auf den Tod und die Vergänglichkeit hinweist. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung der Melancholie und des Abschieds. Der Musiker und die Frau scheinen sich bewusst zu sein, dass dies ihr letzter gemeinsamer Abend ist, und versuchen, ihn in vollen Zügen zu genießen. Doch die Störung durch den Heereszug und der Anblick des Totenschädels erinnern sie an die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Das Gedicht ist ein eindringliches Plädoyer für die Wertschätzung des Augenblicks und die Akzeptanz der Vergänglichkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische Der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.
- Kontrast
- Er aber hob den Blick vom Clavecin und spielte noch und sah zu ihr hinüber
- Metapher
- beinah wie man in einen Spiegel schaut
- Personifikation
- Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train des ganzen Heeres zog am Park vorüber.
- Symbolik
- Der schwarze Tschako mit dem Totenkopf