Letzte Fahrt
1922An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben – da soll es mittags Rote Grütze geben, mit einer fetten, weißen Sahneschicht … Von wegen: Leibgericht.
Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger aus seiner Nase – niemand haut ihm auf die Finger. Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus. Und ich lieg da und denk: “Ach, polk dich aus!”
Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter. Nun faßt der Karlchen die Blondine unter, die mir zuletzt noch dies und jenes lieh … Sie findet: Trauer kleidet sie.
Der Zug ruckt an. Und alle Damen, die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen: vollzählig sind sie heut noch einmal da … Und vorne rollt Papa.
Da fährt die erste, die ich damals ohne die leiseste Erfahrung küßte – die Matrone sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut. Altmodisch war sie – aber sie war gut.
Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen! Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen? Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt: mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.
Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere, da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere die Orden durch die ganze Stadt die mir mein Kaiser einst verliehen hat.
Und hinterm Sarg mit seinen Silberputten, da schreiten zwoundzwonzig Nutten – sie schluchzen innig und mit viel System. Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.
Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch! Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch. Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß! Ich schweige tief. Und bin mich endlich los.
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Interpretation
Das Gedicht "Letzte Fahrt" von Kurt Tucholsky beschreibt auf satirische Weise die eigene Beerdigung des lyrischen Ichs. Es beginnt mit einer ironischen Anspielung auf den letzten Willen des Sprechers, der sich Rote Grütze als Leibgericht wünscht. Die Szene wechselt dann zur Trauerfeier, wo verschiedene Figuren aus dem Leben des Sprechers auftauchen, darunter sein Sohn, der sich unbekümmert die Nase bohrt, und seine Frau, die mit ihrem Liebhaber Arm in Arm steht. Der Sargzug durch die Stadt wird als bunte Mischung aus ehemaligen Geliebten, Kollegen und sogar Prostituierten dargestellt, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Die Ordensmänner und der Chor tragen zur grotesken Atmosphäre bei. Das Gedicht endet mit der Erleichterung des Sprechers, endlich von der Welt und ihren Verpflichtungen befreit zu sein.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Wie wird die schwarzgestrichene Kiste groß!
- Ironie
- Da schreiten zwoundzwonzig Nutten – sie schluchzen innig und mit viel System. Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.
- Metapher
- Ich schweige tief.
- Personifikation
- Und vorne rollt Papa.