Lesart
Ganz außer Maßen christlich war
Ein Fürst von Babylon,
Er mischte aus Romantik gar
Wein und Religion.
Er rief: bringt mir Champagner her
Nebst Bibel, Lumpenpack!
Trank mehr als eine Flasche leer,
Schnupft auch dazu Tabak.
Johannis Evangelium
Schlägt er dann auf mit Schall,
Es geht in seinem Ohr noch um
Der manchen Pfropfe Knall.
Er wieget mit Gedankenschwung
Den rothgesoff’nen Kopf,
Dann liest er mit Beschwichtigung:
Im Anfang war der Pfropf.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Lesart“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine satirische Auseinandersetzung mit religiöser Doppelmoral und der Verbindung von weltlichen Genüssen mit christlichem Glauben. Der Autor prangert die Heuchelei eines „Fürsten von Babylon“ an, der die christlichen Werte pervertiert, indem er sie mit weltlichen Freuden, insbesondere Alkohol und Tabak, kombiniert. Die Ironie des Gedichts liegt in der grotesken Gegenüberstellung von religiösen Texten wie der Bibel und dem Johannes-Evangelium mit dem Konsum von Alkohol und dem Rauchen von Tabak.
Vischer nutzt eine humorvolle Sprache, um die Absurdität dieses Verhaltens zu verdeutlichen. Der „Fürst“ trinkt Champagner, raucht Tabak und liest gleichzeitig in der Bibel. Die Wahl des Namens „Babylon“ – einem Ort, der für Dekadenz und Laster steht – verstärkt die Kritik am Verhalten des Fürsten und verdeutlicht, dass dieser Mann die christlichen Werte nicht ernst nimmt, sondern sie lediglich als Vorwand für seine eigenen weltlichen Gelüste benutzt. Die Zeile „Er mischte aus Romantik gar / Wein und Religion“ bringt die Kernkritik des Gedichts auf den Punkt, indem es die Vermischung von Romantik (als Ausdruck von Gefühl und Genuss) mit Religion, also der moralischen Richtschnur, thematisiert.
Die Pointe des Gedichts offenbart sich in der letzten Strophe, in der der „Fürst“ nach dem Genuss von Alkohol und dem Lesen des Johannes-Evangeliums zu einer absurden Interpretation des Bibeltextes gelangt. Die Zeile „Im Anfang war der Pfropf“ ist eine blasphemische Verkehrung des biblischen Satzes „Im Anfang war das Wort“. Vischer ersetzt das Wort durch den „Pfropf“ (Korken), was das Gedicht in eine absurde Pointe treibt und die Lächerlichkeit der religiösen Selbstbedienung des Fürsten unterstreicht. Durch diese letzte Zeile entlarvt Vischer die Scheinheiligkeit des Fürsten als grotesk und lächerlich.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Vischer mit „Lesart“ ein humorvolles und zugleich kritisches Gedicht geschaffen hat, das die Heuchelei und die Doppelmoral mancher religiöser Personen anprangert. Durch die Übertreibung und die bizarre Vermischung von religiösen und weltlichen Elementen entlarvt er die Scheinheiligkeit und die Selbsttäuschung des „Fürsten von Babylon“ und gibt dem Leser Anlass zum Nachdenken über die wahre Bedeutung von Religiosität und moralischer Integrität. Das Gedicht ist ein ironischer Kommentar auf die Scheinheiligkeit, der zeigt, wie Religion missbraucht werden kann, um weltliche Genüsse zu rechtfertigen.
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Lizenz und Verwendung
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