Lenore

Edgar Allan Poe

1843

Zerschellt die goldne Schale, ach! Der Geist so fern entflogen! Schickt Glockenschall der Seele nach, die fort zum Styx gezogen! Und Guy de Vere, weinst nicht mehr? Jetzt oder nie sei trübe! Da liegt, sieh her, und liebt nie mehr Lenore, deine Liebe. Komm! laß vollziehn mit frommem Wort des Grabes Heiligung – Nichts Königlichres stirbt hinfort als sie, die starb so jung – Man singe, bete immerfort für sie, die starb zu jung.

»Wichte! ihr Reichtum war euch lieb, ihr Stolz war euch verhaßt, Und da die Zarte fiel und blieb, das Grab ihr segnen laßt! Das Ritual und Requiem, wie frommt′s der Heiligung? Durch euch – durch euch: den bösen Blick? Durch euch: die Lästerung, Die diese Unschuld totgehetzt, die starb – und starb so jung?«

doch laß Verdruß! Sing wie am Feiertag Ein Lied zu Gott, daß keine Qual die Tote fühlen mag. Lenore schritt voran, und mit ihr flog die Hoffnung traut – Die unbedacht und toll dich macht – auf die erkorene Braut: So sanft sie war und wunderbar, erlag sie dem Geschick – Das Leben noch im gelben Haar, doch nicht in ihrem Blick – Noch immerdar im gelben Haar, doch Tod in ihrem Blick.

»Hinweg! Leicht wacht mein Herz heut nacht: Kein Schmerzlied will ich klagen, Triumph soll meinen Engel sacht im heiligen Fluge tragen. Kein Glockenschlag! daß nicht noch zag die süße Seele werde Bei solchem Ton, aufgleitend schon von der verfluchten Erde: Zu Freunden hin, von Feinden hier, laßt frei die Tote gehen – Aus Hölle auf zu hohem Rang hoch oben in den Höhen – Aus Gram und Groll auf goldnen Thron zum Herrn der Himmelshöhen.«

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Illustration zu Lenore

Interpretation

Das Gedicht "Lenore" von Edgar Allan Poe handelt von der Trauer um eine verstorbene Geliebte namens Lenore. Der Sprecher beklagt den Verlust und beschreibt, wie ihre Seele zum Styx, dem Fluss der Toten, gezogen ist. Er fordert Guy de Vere, vermutlich ein enger Freund oder Verehrer Lenores, auf, nicht mehr zu weinen und die Heiligung ihres Grabes mit frommen Worten zu vollziehen. Der Sprecher betont, dass niemand Königlicheres gestorben ist als Lenore, die so jung starb. In den folgenden Strophen gibt es einen Dialog, in dem der Sprecher die Menschen dafür kritisiert, dass sie Lenores Reichtum und Stolz verurteilt haben. Er wirft ihnen vor, durch ihre bösen Blicke und Lästerungen die unschuldige Lenore in den Tod getrieben zu haben. Der Sprecher fordert dazu auf, für Lenore zu singen und zu beten, damit keine Qual die Tote fühlen mag. Im letzten Teil des Gedichts drückt der Sprecher seine Hoffnung aus, dass Lenore zu einem höheren Rang aufsteigt und zum Herrn der Himmelshöhen gelangt. Er wünscht sich, dass keine Trauerglocken läuten, um die süße Seele nicht zu beunruhigen. Der Sprecher betont, dass Lenore von Feinden befreit und zu Freunden gelangt, um in der Hölle aufzusteigen und einen goldenen Thron zu erreichen.

Schlüsselwörter

starb jung blick seele mehr nie lenore laß

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Stilmittel

Anapher
Und Guy de Vere, weinst nicht mehr? / Jetzt oder nie sei trübe!
Hyperbel
Aus Hölle auf zu hohem Rang / hoch oben in den Höhen
Metapher
Triumph soll meinen Engel sacht / im heiligen Fluge tragen.
Personifikation
Schickt Glockenschall der Seele nach, / die fort zum Styx gezogen!
Symbolik
Lenore schritt voran, und mit / ihr flog die Hoffnung traut