Leiferde

Klabund

unknown

Wir leben ganz im Dunkeln, Uns blühen nicht Ranunkeln Und Mädchen glühn uns nicht. Wir sind von Gott verworfen Und unter Schmutz und Schorfen Ist unsre Brust mit Schwefel ausgepicht.

Der Rucksack, der ist leer, Das Hirn von Plänen schwer, Mit uns will′s niemand wagen. Wir finden Stell′ und Arbeit nicht, Der Hunger wie mit Messern sticht Den Magen.

Wir sind dahingezogen Durch Not und Kot und Dreck. Der Wind hat uns verbogen, Das Leben uns belogen, Die Menschheit warf uns weg.

Wir wateten im Schlamm, Wir kamen an den Damm, Ein Zug flog hell vorüber, Ach, niemand rief: Hol über! Hol über!

Es tranken Kavaliere Im Speisewagen Mumm. Wir sind nicht einmal Tiere, Uns wandern Herz und Niere Ziellos im Leib herum.

Den Klotz nun auf die Schienen, Der Qualen ist′s genug, Bald kommt der nächste Zug, Wir wollen was verdienen - Und sei′s auch nur das Hochgericht. Wenn wir im Äther baumeln Und zu den Sternen taumeln, Sehn wir zum erstenmal das Licht - Das Licht.

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Illustration zu Leiferde

Interpretation

Das Gedicht "Leiferde" von Klabund thematisiert die hoffnungslose Existenz von Menschen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen und am Rande des Existenzminimums leben. Die Sprecher des Gedichts beschreiben sich selbst als von Gott verworfen und von der Menschheit weggeworfen, geplagt von Hunger, Arbeitslosigkeit und existentieller Verzweiflung. Die düstere Atmosphäre wird durch Bilder von Dunkelheit, Schmutz und Schmerz verstärkt. Die zweite Strophe verdeutlicht die körperlichen und seelischen Qualen der Sprecher. Der leere Rucksack symbolisiert ihre materielle Not, während das "hirn von Plänen schwer" ihre geistige Überlastung und Perspektivlosigkeit ausdrückt. Der Hunger wird als schmerzhaftes Stechen beschrieben, was die Dringlichkeit ihrer Lage unterstreicht. Im letzten Teil des Gedichts kulminiert die Verzweiflung in einem radikalen Akt des Widerstands. Die Sprecher beschließen, einen Holzklotz auf die Schienen zu legen, um einen Zug entgleisen zu lassen. Dieses selbstmörderische Attentat ist als letzter Ausweg gedacht, um "etwas zu verdienen" - selbst wenn es nur der Tod ist. Die paradoxe Vorstellung, im Moment des Todes erstmals das Licht zu sehen, deutet auf eine Erlösung durch den gewaltsamen Tod hin. Das Gedicht endet mit einem beunruhigenden Hoffnungsschimmer auf ein besseres Dasein nach dem Tod.

Schlüsselwörter

leben zug hol licht ganz dunkeln blühen ranunkeln

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Der Hunger wie mit Messern sticht
Kontrast
Und sei's auch nur das Hochgericht
Metapher
Wenn wir im Äther baumeln
Personifikation
Das Leben uns belogen
Symbolik
Das Licht
Wiederholung
Hol über!