Lehnen im Abendgarten beide…
Lehnen im Abendgarten beide,
lauschen lange nach irgendwo.
„Du hast Hände wie weiße Seide…“
Und da staunt sie: „Du sagst das so…“
Etwas ist in den Garten getreten.
und das Gitter hat nicht geknarrt,
und die Rosen in allen Beeten
beben vor seiner Gegenwart.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Lehnen im Abendgarten beide…“ von Rainer Maria Rilke fängt einen intimen Moment ein, der von Zärtlichkeit, Staunen und einer spürbaren, aber unbenannten Präsenz durchzogen ist. Es beginnt mit einer Szene der Zweisamkeit: Zwei Personen lehnen sich im Abendgarten und lauschen der Stille oder vielleicht einem entfernten Geräusch. Die schlichte Formulierung „lauschen lange nach irgendwo“ deutet auf eine Sehnsucht, ein Warten auf etwas, das nicht greifbar ist, hin. Der erste Vers evoziert eine Atmosphäre der Ruhe und des Vertrautseins, die durch das anschließende Gespräch der beiden Personen ergänzt wird.
Der Dialog, der folgt, offenbart eine tiefe Zuneigung und Bewunderung. Die männliche Person spricht die Frau mit den Worten „Du hast Hände wie weiße Seide…“ an, was die Schönheit und Zartheit der Frau hervorhebt. Diese Worte sind von einer bewundernden Vertrautheit getragen. Die Reaktion der Frau – „Und da staunt sie: Du sagst das so…“ – zeigt Überraschung und gleichzeitig eine tiefe Berührung durch diese Worte. Ihr Staunen deutet darauf hin, dass sie diese Art der Wertschätzung vielleicht nicht erwartet hat oder dass sie die Tiefe ihrer Gefühle für sie in diesem Moment besonders deutlich wahrnimmt.
Die zweite Strophe markiert einen Wendepunkt, der das Gedicht in eine mysteriösere Richtung lenkt. „Etwas ist in den Garten getreten“ – diese Aussage weicht von der Intimität der Liebenden und deutet auf das Eindringen einer unbekannten Macht oder Präsenz hin. Das Fehlen eines Geräusches, das Gitter hat nicht geknarrt, unterstreicht die heimliche und beinahe unheimliche Natur dieses Eindringens. Der Garten, der zuvor ein Ort der Zweisamkeit und Zuneigung war, wird durch das Hinzutreten einer dritten Komponente, die nicht benannt wird, erweitert.
Das Beben der Rosen „in allen Beeten“ vor dieser Anwesenheit ist ein kraftvolles Bild. Die Rosen, oft ein Symbol der Liebe und Schönheit, reagieren auf diese Präsenz mit einer unheimlichen Bewegung. Dies verstärkt das Gefühl von Bedrohung oder zumindest von einem übernatürlichen Einfluss. Das Gedicht endet offen, ohne die Natur dieser Präsenz zu erklären. Es lässt den Leser in der Ungewissheit zurück, was das „Etwas“ ist, das den Garten betreten hat und die intime Szene unterbricht. Das Gedicht deutet auf die Fragilität menschlicher Momente in der Gegenwart des Geheimnisvollen und Unbekannten hin.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.