Legende

Ludwig Uhland

1824

Es ist ′ne Kirche wohlbekannt, Sankt Michael vom Berg genannt; Am Ende vom Normannenlande Auf eines hohen Felsen Rande, Umschlossen überall vom Meer, Nur daß von einer Seite her, Sowie die Flut zurücke trat, Sich öffnet ein gebahnter Pfad. Es kommt die Flut zweimal im Tage Mit schnell′ und starkem Wellenschlage, Daß mancher zu derselben Frist Mit großer Not entronnen ist. Viel Waller zu der Kirche kommen, Zu ihres ew′gen Erbes Frommen. Einmal, an einem hohen Feste, Beeilten sich die frommen Gäste, Zur heil′gen Messe hinzuwallen; Doch hat die Flut sie überfallen. Sie flohen auf des Pfades Enge Mit Hast und mächtigem Gedränge. Nur einer armen Schwangern war Die Kraft geschwunden ganz und gar, Gehemmt ihr Lauf von herben Schmerzen, Die sich ihr regten unterm Herzen. Sie ward gestoßen von der Menge Und fiel zu Boden im Gedränge. So blieb sie liegen, unbeachtet, Weil jeder sich zu retten trachtet. Die andern waren all entronnen Und hatten schon den Berg gewonnen, Doch wie sie nach der Frau hinsahen, So tät sich schon die Flut ihr nahen; Wohl jede Hülfe war zu spät, Drum wandten sie sich zum Gebet. Auch jene, die, dem Tode nah, Nicht Menschenhülfe möglich sah, Sie hat zu Jesus und Marien Und zum Erzengel laut geschrieen. Die Pilger haben′s nicht vernommen, Zum Himmel ist der Ruf gekommen. Die süße Gottesmutter oben Hat sich von ihrem Thron erhoben. Die heil′ge Herrin voll Erbarmen Wirft einen Schleier hin der Armen, Die unter solcher Decke Schutz Bewahrt ist vor der Wellen Trutz; Denn mitten in der Wasser Braus Ist ihr gebaut ein trocknes Haus. Die Ebbezeit nicht ferne war, Nun stund am Strand die ganze Schar. Die Frau man längst verloren gab; Da wich die Flut vom Land hinab, Und trat aus all der Wellen Grund Die Frau, ganz freudig und gesund, Und in den Armen hielt sie lind Ein lieblich neugeboren Kind. Da täten Geistliche und Laien Des schönen Wunders hoch sich freuen, Mit Staunen auf die Frau sie wiesen, Den Herrn und seine Mutter priesen.

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Interpretation

Das Gedicht "Legende" von Ludwig Uhland erzählt die Geschichte einer wundersamen Rettung. Eine schwangere Frau gerät bei der Flut in Not und wird von den anderen Gläubigen im Stich gelassen. In ihrer Verzweiflung ruft sie zu Jesus, Maria und dem Erzengel Michael, und ihre Gebete werden erhört. Die Gottesmutter wirft einen schützenden Schleier über sie, sodass sie unversehrt inmitten der tosenden Wellen bleibt, bis die Ebbe einsetzt. Die Erzählung betont die Themen Glaube, göttliche Gnade und die Macht des Gebets. Die schwangere Frau, die zunächst als schwach und hilflos dargestellt wird, erweist sich als diejenige, die durch ihren unerschütterlichen Glauben gerettet wird. Ihr Schicksal kontrastiert mit dem der anderen Pilger, die zwar körperlich entkommen, aber nicht die gleiche spirituelle Erfahrung machen. Das Gedicht endet mit einer Feier des Wunders durch Geistliche und Laien. Die Frau erscheint gesund und glücklich, mit einem neugeborenen Kind in den Armen. Dies unterstreicht die Botschaft, dass wahrer Glaube und Hingabe an Gott zu wundersamen Ereignissen führen können, die die Gemeinschaft in Staunen und Freude vereinen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Apostrophe
Sie hat zu Jesus und Marien Und zum Erzengel laut geschrieen
Enjambement
Es ist 'ne Kirche wohlbekannt, / Sankt Michael vom Berg genannt
Hyperbel
Es kommt die Flut zweimal im Tage Mit schnell' und starkem Wellenschlage
Metapher
Die heil'ge Herrin voll Erbarmen Wirft einen Schleier hin der Armen
Personifikation
Die süße Gottesmutter oben Hat sich von ihrem Thron erhoben