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Leda

Von

Als ihn der Gott in seiner Not betrat,
erschrak er fast, den Schwan so schön zufinden;
er ließ sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.
Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,

bevor er noch des unerprobten Seins
Gefühle prüfte. Und die Aufgetane
erkannte schon den Kommenden im Schwane
und wußte schon: er bat um Eins,

das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,
nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder
und halsend durch die immer schwächere Hand

ließ sich der Gott in die Geliebte los.
Dann erst empfand er glücklich sein Gefieder
und wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß.

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Gedicht: Leda von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Leda“ von Rainer Maria Rilke zeichnet das Aufeinandertreffen des Gottes Zeus (in der Gestalt eines Schwans) und der sterblichen Leda nach, wobei der Fokus auf der Ambivalenz und der Zerrissenheit des göttlichen Begehrens und der daraus resultierenden Verwirrung Ledas liegt. Das Sonett beginnt mit einer Beschreibung des Augenblicks der Verwandlung und des Eindringens des Gottes in die Form des Schwans, wodurch eine gewisse Verunsicherung und ein schneller Übergang zur Handlung etabliert werden. Zeus, der Schwan, ist von seiner eigenen Schönheit überwältigt, was auf eine gewisse Distanzierung von der eigenen göttlichen Natur und der eigenen Absichten hindeutet, bevor er sich seiner Täuschung hingibt.

Der zweite Teil des Gedichts verstärkt diese Ambivalenz. Zeus ist schnell, bevor er die Gefühle des unerprobten Seins (also des Schwans) prüfen kann, direkt zur Tat übergegangen. Leda dagegen erkennt im Schwan bereits den Kommenden, also den Gott, und weiß, dass er etwas von ihr will, das sie in ihrem Widerstand nicht verbergen kann. Diese Zeilen spiegeln die Erkenntnis und das Wissen über das unvermeidliche Geschehen wider, was Ledas passive Rolle und die Unausweichlichkeit des göttlichen Willens unterstreicht. Die Verwendung des Wortes „verwirrt“ deutet sowohl bei Gott (zu Beginn) als auch bei Leda auf einen Zustand der Orientierungslosigkeit und des inneren Konflikts hin, der die Begegnung prägt.

Der dritte Abschnitt konzentriert sich auf den Vollzug der Verführung. Der Gott senkt sich nieder, und das „Halsen“ des Schwans durch die schwächer werdende Hand deutet auf eine Verschmelzung und das Loslassen des Gottes in der Geliebten hin. Dies wird als ein Akt des Verlassens seiner göttlichen Form zugunsten einer sinnlichen Erfahrung dargestellt, aber auch als ein Akt der Gewalt, der die passive Rolle Ledas weiter betont.

Das abschließende Sextett enthüllt, wie Zeus erst dann, als er in Leda aufgeht, sein „Gefieder“ spürt und zum Schwan wird, wirklich Schwan in ihrem Schoß. Die letzte Zeile, in der der Gott erst in der Hingabe an die Sterbliche seine wahre Gestalt findet, kehrt die Erwartungen um und deutet auf die paradoxe Natur der Begegnung hin. Es ist die Verschmelzung und das Aufgehen in der Geliebten, die Zeus seine wahre Gestalt finden lässt. Das Gedicht hinterfragt damit auf subtile Weise die Grenzen zwischen göttlichem Begehren und menschlicher Erfahrung.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.