Lebt wohl

Annette von Droste-Hülshoff

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Lebt wohl, es kann nicht anders sein! Spannt flatternd eure Segel aus, Laßt mich in meinem Schloß allein, Im öden geisterhaften Haus.

Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch Und meinen letzten Sonnenstrahl; Er scheide, scheide nur sogleich, Denn scheiden muß er doch einmal.

Laßt mich an meines Seees Bord, Mich schaukelnd mit der Wellen Strich, Allein mit meinem Zauberwort, Dem Alpengeist und meinem Ich.

Verlassen, aber einsam nicht, Erschüttert, aber nicht zerdrückt, Solange noch das heil′ge Licht Auf mich mit Liebesaugen blickt.

Solange mir der frische Wald Aus jedem Blatt Gesänge rauscht, Aus jeder Klippe, jedem Spalt Befreundet mir der Elfe lauscht.

Solange noch der Arm sich frei Und waltend mir zum Äther streckt Und jedes wilden Geiers Schrei In mir die wilde Muse weckt.

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Illustration zu Lebt wohl

Interpretation

Das Gedicht "Lebt wohl" von Annette von Droste-Hülshoff handelt von einer Person, die sich von ihren Liebsten verabschiedet und sich in die Einsamkeit zurückzieht. Die Stimmung ist melancholisch und von Abschiedsschmerz geprägt. Die Sprecherin bittet ihre Angehörigen, sie in ihrem Schloss allein zu lassen, da sie sich nach Ruhe und Abgeschiedenheit sehnt. Im zweiten Abschnitt wird deutlich, dass die Sprecherin ihr Herz und ihre letzte Hoffnung, symbolisiert durch den "letzten Sonnenstrahl", mit ihren Liebsten ziehen lässt. Sie akzeptiert, dass Trennung unvermeidlich ist und willigt in das Abschiednehmen ein, obwohl es ihr schwerfällt. Im dritten Abschnitt findet die Sprecherin Trost in der Natur und in ihrer eigenen inneren Stärke. Sie beschreibt, wie sie an den Ufern ihres Sees sitzt, von den Wellen sanft geschaukelt wird und sich in ihrer Einsamkeit geborgen fühlt. Die Natur und ihre eigene Kreativität, verkörpert durch das "Zauberwort" und die "wilde Muse", geben ihr Halt und Inspiration.

Schlüsselwörter

solange lebt laßt allein scheide jedem kann anders

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Stilmittel

Alliteration
Aus jeder Klippe, jedem Spalt / Befreundet mir der Elfe lauscht
Anapher
Lebt wohl, es kann nicht anders sein! / Spannt flatternd eure Segel aus, / Laßt mich in meinem Schloß allein, / Im öden geisterhaften Haus. / Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch / Und meinen letzten Sonnenstrahl; / Er scheide, scheide nur sogleich, / Denn scheiden muß er doch einmal.
Bildsprache
Solange mir der frische Wald / Aus jedem Blatt Gesänge rauscht
Hyperbel
Solange noch das heil′ge Licht / Auf mich mit Liebesaugen blickt
Metapher
Und jedes wilden Geiers Schrei / In mir die wilde Muse weckt
Personifikation
Laßt mich an meines Seees Bord, / Mich schaukelnd mit der Wellen Strich