Lebendiges Andenken

Johann Wolfgang von Goethe

1832

Der Liebsten Band und Schleife rauben, Halb mag sie zürnen, halb erlauben, Euch ist es viel, ich will es glauben Und gönn′ euch solchen Selbstbetrug: Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe Sind wahrlich keine kleinen Dinge; Allein mir sind sie nicht genug.

Lebend′gen Teil von ihrem Leben, Ihn hat nach leisem Widerstreben Die Allerliebste mir gegeben, Und jene Herrlichkeit wird nichts. Wie lach′ ich all der Trödelware! Sie schenkte mir die schönen Haare, Den Schmuck des schönsten Angesichts.

Soll ich dich gleich, Geliebte, missen, Wirst du mir doch nicht ganz entrissen: Zu schau′n, zu tändeln und zu küssen Bleibt die Reliquie von dir. Gleich ist des Haars und mein Geschicke; Sonst buhlten wir mit einem Glücke Um sie, jetzt sind wir fern von ihr.

Fest waren wir an sie gehangen; Wir streichelten die runden Wangen, Uns lockt′ und zog ein süß Verlangen, Wir gleiteten zur vollern Brust. O Nebenbuhler, frei von Neide, Du süß Geschenk, du schöne Beute, Erinnre mich an Glück und Lust!

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Illustration zu Lebendiges Andenken

Interpretation

Das Gedicht "Lebendiges Andenken" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von der tiefen Verbundenheit des lyrischen Ichs mit seiner Geliebten. Es beginnt mit einer ironischen Betrachtung anderer Verehrer, die sich mit kleinen Andenken wie Bändern und Ringen begnügen, während das lyrische Ich ein viel wertvolleres Geschenk erhalten hat: ein lebendiges Stück der Geliebten, nämlich ihre Haare. Diese Haare symbolisieren die Schönheit und die Intimität der Beziehung und sind für das lyrische Ich unersetzlich. Im weiteren Verlauf des Gedichts reflektiert das lyrische Ich über die Trennung von der Geliebten. Trotz der physischen Distanz bleibt ein Teil von ihr durch die Haare bei ihm. Die Haare dienen als Reliquie, die es ermöglicht, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit wachzuhalten. Die Verbindung zwischen dem lyrischen Ich und den Haaren wird als untrennbar dargestellt, was die tiefe emotionale Bindung unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer liebevollen Ansprache an die Haare, die als "Nebenbruder" und "schöne Beute" bezeichnet werden. Sie erinnern das lyrische Ich an die vergangene Glückseligkeit und die sinnlichen Momente mit der Geliebten. Die Haare werden als Symbol der ewigen Liebe und der unvergänglichen Erinnerung an die gemeinsame Zeit gefeiert, was die tiefe emotionale Bedeutung dieses Andenkens unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Halb mag sie zürnen, halb erlauben
Hyperbel
Sie schenkte mir die schönen Haare
Metapher
Der Liebsten Band und Schleife rauben
Personifikation
Wird nichts
Reimschema
AABB
Symbolik
Ringe sind wahrlich keine kleinen Dinge
Vergleich
Gleich ist des Haars und mein Geschicke