Laterne! Laterne!

Jacob Loewenberg

1856

Noch einmal glänzt wie Goldgeschmeide die Flut des Stromes leuchtend auf, da steigt in leichtem Nebelkleide der Sommerabend still herauf. Und wie er durch die Gassen schreitet, aufatmend jede Brust sich weitet. Es ist, als klan’ ein Friedeswort, und Lärm und Unrast fliehen fort.

Da kommt’s aus Tür und Tor gesprungen und ordnet sich in langer Reih, ein Zug von Mädchen und von Jungen, ein Käsehoch ist auch dabei. Wie sie die Köpfchen drehn und wenden, die Stocklaterne hoch in Händen! Dann zieht’s mit feierlichem Sang die Straße langsam stolz entlang:

“Laterne Laterne Sonne, Mond und Sterne! Meine Laterne brennt so schön! Morgen wollen wir wieder gehn.”

Die Sonne, tief schon in den Fluten, Hort lächelnd noch der Kinder Reih’n; “Sie kommen schon, ich muß mich sputen”, und zieht die letzten Strahlen ein. Der Mond springt hinter Wolkenhaufen: “Ich will doch heimlich mit euch laufen.” Ein Stern nur blinzel ohne Ruh, dann hält er sich die Augen zu.

“Laterne! Laterne! Sonne, Mond und Sterne! Meine Laterne brennt so schön! Morgen wollen wir wieder gehn.”

Ich schau vom Straßentor alleine dem Zuge nach mit trübem Sinn, mir ist’s, als zög in hellem Scheine dort meine eigne Kindheit hin. Und mit ihr Traum und Frieden gehen. Des Lebens goldne Fäden wehen leuchtend weiter in schnellem Flug; mein Kind, mein Kind singt mit im Zug:

“Laterne! Laterne! Sonne, Mond und Sterne! Meine Laterne brennt so schön! Morgen wollen wir wieder gehn.”

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Illustration zu Laterne! Laterne!

Interpretation

Das Gedicht "Laterne! Laterne!" von Jacob Loewenberg schildert eine idyllische Sommerabendstimmung, in der sich eine Gruppe von Kindern mit ihren Laternen singend durch die Straßen bewegt. Die poetische Darstellung des Abends, mit seiner goldenen Flut und dem aufatmenden Frieden, schafft eine ruhige und fast magische Atmosphäre. Die Kinder, mit ihren Laternen in den Händen, werden zum Symbol für Unschuld und Freude, die im Kontrast zur Erwachsenenwelt stehen. Die Natur selbst, repräsentiert durch Sonne, Mond und Sterne, scheint an diesem Moment teilzuhaben und die Kinder zu begleiten. Die Sonne lächelt noch über den Anblick, der Mond folgt heimlich, und ein Stern blinzelt munter. Diese Personifizierung der Himmelskörper verstärkt das Gefühl der Verbundenheit zwischen der Natur und den Kindern, als ob die ganze Welt innehalten würde, um diesen Moment der Unschuld und des Friedens zu würdigen. Der Erzähler, der vom Straßentor aus den Zug beobachtet, wird von melancholischen Gefühlen ergriffen. Er sieht in den Kindern seine eigene vergangene Kindheit, die nun in einem "hellen Schein" vor seinen Augen vorbeizieht. Der Gesang der Kinder, der von einer Laterne handelt, die "so schön brennt", wird zum Symbol für die vergängliche Schönheit der Kindheit und die unaufhaltsame Zeit, die diese Unschuld davonträgt. Das Gedicht endet mit dem Refrain des Liedes, der die Hoffnung auf einen neuen Tag und die Fortsetzung dieser unschuldigen Freude ausdrückt, auch wenn der Erzähler weiß, dass diese Zeit unwiederbringlich vorübergeht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
aus Tür und Tor gesprungen
Metapher
Noch einmal glänzt wie Goldgeschmeide die Flut des Stromes leuchtend auf
Parallelismus
Laterne! Laterne! Sonne, Mond und Sterne! Meine Laterne brennt so schön! Morgen wollen wir wieder gehn.
Personifikation
Die Sonne, tief schon in den Fluten, Hort lächelnd noch der Kinder Reih'n
Symbolik
Laterne