Laß mich mit glühnden Zangen kneipen
Laß mich mit glühnden Zangen kneipen,
Laß grausam schinden mein Gesicht,
Laß mich mit Ruten peitschen, stäupen –
Nur warten, warten laß mich nicht!
Laß mit Torturen aller Arten
Verrenken, brechen mein Gebein,
Doch laß mich nicht vergebens warten,
Denn warten ist die schlimmste Pein!
Den ganzen Nachmittag bis Sechse
Hab gestern ich umsonst geharrt –
Umsonst; du kamst nicht, kleine Hexe,
So daß ich fast wahnsinnig ward.
Die Ungeduld hielt mich umringelt
Wie Schlangen; – jeden Augenblick
Fuhr ich empor, wenn man geklingelt,
Doch kamst du nicht- ich sank zurück!
Du kamest nicht – ich rase, schnaube,
Und Satanas raunt mir ins Ohr:
Die Lotosblume, wie ich glaube,
Mokiert sich deiner, alter Tor!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Laß mich mit glühnden Zangen kneipen“ von Heinrich Heine ist eine verzweifelte Klage über das Warten auf die geliebte Person. Es drückt eine tiefe Ungeduld und ein Gefühl der Qual aus, die durch das Ausbleiben der ersehnten Begegnung verursacht wird. Die ersten beiden Strophen beschreiben in drastischen Bildern, welche körperlichen Schmerzen der Sprecher bereit wäre, zu ertragen, um dem Warten zu entgehen. Die gewalttätigen Metaphern wie „glühenden Zangen kneipen“, „grausam schinden“ und „Ruten peitschen“ verdeutlichen die Intensität des Leidens, das der Sprecher verspürt. Der Schmerz des Wartens wird als unerträglicher dargestellt als jede physische Tortur.
Die dritte und vierte Strophe verstärken die emotionale Intensität durch die detaillierte Beschreibung der erlebten Enttäuschung. Die Erinnerung an einen vergangenen, vergeblichen Nachmittag wird wachgerufen, in dem der Sprecher vergebens auf das Erscheinen der geliebten „kleinen Hexe“ wartete. Die Ungeduld wird als „Schlangen“ dargestellt, die den Sprecher umringen und ihn in Angst und Unruhe versetzen. Jedes Klingeln, jedes Geräusch, das auf die Ankunft hoffen lässt, wird zu einem Moment der Aufregung, der sofort in Enttäuschung umschlägt. Das Ausbleiben der Geliebten führt zu einem Gefühl des Wahnsinns und der Verzweiflung.
Die letzte Strophe gipfelt in einem Moment der inneren Zerrissenheit. Die ausbleibende Geliebte wird als Quelle des Spotts dargestellt. Der Sprecher wird von einem teuflischen Flüstern (Satanas) verhöhnt, das ihm die Hoffnung auf ein Erscheinen nimmt. Die „Lotosblume“ wird als Metapher für die Geliebte interpretiert, die sich über ihn lustig macht. Der Sprecher erkennt, dass er sich wie ein „alter Tor“ verhält, der einer unerreichbaren Sehnsucht nachhängt. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Resignation und der Erkenntnis, dass seine Erwartungen unerfüllt bleiben werden.
Heines Gedicht zeichnet sich durch eine Kombination aus extremer Emotionalität und Ironie aus. Die Übertreibungen in den körperlichen Qualen, die der Sprecher bereit wäre zu erdulden, stehen in krassem Gegensatz zur scheinbar banalen Ursache des Leidens – dem Warten auf die Geliebte. Diese Diskrepanz erzeugt einen humorvollen Unterton, der die Tragik des Wartens jedoch nicht mindert, sondern vielmehr verstärkt. Die Sprache ist direkt und ungekünstelt, was die Authentizität des Schmerzes unterstreicht. Das Gedicht ist somit ein eindringliches Porträt der menschlichen Ungeduld, der Sehnsucht und der Verzweiflung, die mit der unerfüllten Liebe einhergehen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.