Lapidarstil
1798Ist das Deutsch schon so verdorben, Daß man’s kaum noch schreiben kann? Oder ist es ausgestorben, Daß man’s spricht nur dann und wann?
Oder habet ihr vernommen, Daß es bald zu Ende geht? Daß die Zeiten nächstens kommen, Wo kein Mensch mehr deutsch versteht?
Jedes Denkmal wird frisieret Von der Philologen Hand, Und so haben sie beschmieret Erz und Stein und Tisch und Wand.
Wo man hinschaut, strotzt und glotzet Eine Inschrift in Latein, Die sich trotzig hat schmarotzet In das Denkmal mit hinein.
Deutsches Volk, du musst studieren Und vor allem das Latein, Niemals kannst du sonst capieren Was dein eigner Ruhm soll sein!
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Interpretation
Das Gedicht "Lapidarstil" von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben kritisiert den Niedergang der deutschen Sprache und die Dominanz des Lateinischen in der Denkmalkultur. Der Dichter beklagt, dass Deutsch zunehmend verdrängt und vernachlässigt wird, während lateinische Inschriften auf Denkmälern allgegenwärtig sind. Er fragt sich, ob die deutsche Sprache bereits so verdorben ist, dass sie kaum noch geschrieben oder gesprochen wird, oder ob sie gar ausstirbt. Hoffmann von Fallersleben wirft den Philologen vor, die deutschen Denkmäler durch ihre Einmischung und ihre Vorliebe für das Lateinische zu beschmutzen und zu verunstalten. Die lateinischen Inschriften werden als unerwünschte Parasiten dargestellt, die sich in die deutschen Denkmäler eingenistet haben und sie verunstalten. Der Dichter sieht in dieser Entwicklung eine Bedrohung für das kulturelle Erbe und die Identität des deutschen Volkes. Abschließend fordert Hoffmann von Fallersleben das deutsche Volk auf, sich gegen diese Entwicklung zu wehren und die deutsche Sprache zu pflegen und zu schützen. Er betont, dass nur durch das Studium des Deutschen und das Verständnis seiner eigenen Sprache das Volk seinen Ruhm und seine kulturelle Identität bewahren kann. Das Gedicht ist ein leidenschaftlicher Appell für den Erhalt und die Wertschätzung der deutschen Sprache angesichts der zunehmenden Dominanz des Lateinischen in der öffentlichen und kulturellen Sphäre.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wo man hinschaut, strotzt und glotzet
- Appell
- Deutsches Volk, du musst studieren Und vor allem das Latein
- Bildsprache
- Eine Inschrift in Latein, Die sich trotzig hat schmarotzet In das Denkmal mit hinein
- Hyperbel
- Daß die Zeiten nächstens kommen, Wo kein Mensch mehr deutsch versteht?
- Ironie
- Ist das Deutsch schon so verdorben, Daß man's kaum noch schreiben kann?
- Metapher
- Und so haben sie beschmieret Erz und Stein und Tisch und Wand
- Personifikation
- Jedes Denkmal wird frisieret Von der Philologen Hand
- Rhetorische Frage
- Oder ist es ausgestorben, Daß man's spricht nur dann und wann?