L′ange du meridien
1875Chartres
Im Sturm, der um die starke Kathedrale wie ein Verneiner stürzt der denkt und denkt, fühlt man sich zärtlicher mit einem Male von deinem Lächeln zu dir hingelenkt:
lächelnder Engel, fühlende Figur, mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden: gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden, abgleiten von der vollen Sonnenuhr,
auf der des Tages ganze Zahl zugleich, gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte, als wären alle Stunden reif und reich.
Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein? Und hältst du mit noch seligerm Gesichte vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?
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Interpretation
Das Gedicht "Chartres" von Rainer Maria Rilke beschreibt die ehrfurchtgebietende Erfahrung, vor dem Lächeln des Engels auf der Sonnenuhr der Kathedrale von Chartres zu stehen. Der Sprecher fühlt sich inmitten des Sturms, der wie ein Verneiner um die starke Kathedrale tobt, plötzlich zärtlich zu dem lächelnden Engel hingezogen. Der Engel wird als fühlende Figur mit einem Mund aus hundert Mündern beschrieben, der jedoch nicht bemerkt, wie die Stunden des Menschen von der vollen Sonnenuhr abgleiten. Das Gedicht reflektiert über den Kontrast zwischen der Ewigkeit des Engels aus Stein und der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins. Während der Engel die Tafel der Zeit in die Nacht hineinhält, scheint er die flüchtigen Momente des menschlichen Lebens nicht zu erfassen. Die Stunden stehen gleichzeitig und im Gleichgewicht auf der Sonnenuhr, als wären sie alle reif und reich, während der Mensch sie unaufhaltsam verstreichen sieht. Der Engel bleibt unberührt von dieser Vergänglichkeit und lächelt weiterhin in seine eigene Welt hinein.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- vielleicht die Tafel in die Nacht hinein
- Hyperbel
- als wären alle Stunden reif und reich
- Metapher
- hältst du mit noch seligerm Gesichte
- Personifikation
- wie ein Verneiner stürzt der denkt und denkt
- Rhetorische Frage
- Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein?