Hast du den Himmel gesehn heut‘ Abend? – »Nein, und wie war er?« –
O welch herrlicher Claud, ach welch ein himmlischer Ton!
»Und die Campagna, wie war sie?« – Nur Claud in Himmel und Erde,
Jeglichen Pinselstrich hab‘ in der Luft ich gesehn!
Landschaftmalerische Hyperbel
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Landschaftmalerische Hyperbel“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine kurze, humorvolle Auseinandersetzung mit dem Thema der Übertreibung in der Kunst, insbesondere in der Malerei. Es karikiert die Neigung, die Schönheit eines Kunstwerks oder einer natürlichen Szene mit überbordenden, fast schon absurden Worten zu beschreiben. Der Dialog zwischen zwei Personen bildet den Kern des Gedichts und dient als Bühne für die pointierte Kritik.
Der erste Sprecher, möglicherweise ein Kunstliebhaber oder ein Maler selbst, wird nach seiner Einschätzung des Himmels am Abend gefragt. Seine Antwort ist ein Ausbruch überschwänglicher Begeisterung, der die Grenzen des Realistischen sprengt: „O welch herrlicher Claud, ach welch ein himmlischer Ton!“ Er reduziert das gesamte visuelle Erlebnis auf eine bloße „Claud“-Gefühligkeit. Durch die Verwendung von Superlativen und die Wiederholung, die man aus der Musik kennt, verstärkt er die künstliche Überhöhung und Persiflage auf romantische Sprachmuster. Der zweite Sprecher, der scheinbar nüchterne Gesprächspartner, stellt anschließend die Frage nach der „Campagna“ (die römische Ebene), was die Gelegenheit für eine weitere, noch extremere Übertreibung bietet.
Die Antwort auf die Frage nach der Campagna ist besonders aufschlussreich. Der Sprecher behauptet, in der Campagna nichts anderes als „Claud in Himmel und Erde“ gesehen zu haben, was die Grenzen des Darstellbaren überschreitet. Weiter heißt es: „Jeglichen Pinselstrich hab‘ in der Luft ich gesehn!“ Diese Aussage deutet darauf hin, dass das gesamte Erlebte zu einer einzigen, übertriebenen Erfahrung des „Claud“-haften verschmilzt, die keine Details mehr zulässt. Waiblinger kritisiert hier die Tendenz, in der Kunst, insbesondere in der Landschaftsmalerei, die Realität durch allzu pathetische oder übertriebene Beschreibungen zu verfälschen und zu verzerren.
Die Verwendung des Wortes „Claud“ (vermutlich eine Anspielung auf Claude Lorrain, einen berühmten Landschaftsmaler) und der Begriff der „Pinselstriche“ verstärken den malerischen Bezug und die Satire auf die Kunstkritik und das Kunstempfinden der Zeit. Waiblinger spielt mit den Konventionen der Romantik, in der das Erhabene und das Idealisierte in der Natur besonders geschätzt wurden. Indem er die Beschreibungen ins Absurde treibt, entlarvt er die Künstlichkeit und die Gefahren der übermäßigen Verwendung von Schönheitsidealen in der Kunst. Das Gedicht ist ein scharfsinniges und humorvolles Statement zur Ästhetik und zur Rolle der Sprache in der Kunstbetrachtung.
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Lizenz und Verwendung
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