Land im Herbste

Gottfried Keller

1890

Die alte Heimat seh′ ich wieder, Gehüllt in herbstlich feuchten Duft; Er träufelt von den Bäumen nieder, Und weithin dämmert grau die Luft.

Und grau ragt eine Flur im Grauen, Drauf geht ein Mann mit weitem Schritt Und streut, ein Schatten nur zu schauen, Ein graues Zeug, wohin er tritt.

Ist es der Geist verschollner Ahnen, Der kaum erstrittnes Land besät, Indes zu seiten seiner Bahnen Der Speer in brauner Erde steht?

Der aus vom Kampf noch blut′gen Händen Die Körner in die Furche wirft, So mit dem Pflug von End′ zu Enden Ein jüngst vertriebnes Volk geschürft?

Nein, den Genossen meines Blutes Erkenn′ ich, da ich ihm genaht, Der langsam schreitend, schweren Mutes Die Flur bestäubt mit Aschensaat.

Die müde Scholle neu zu stärken, Lässt er den toten Staub verwehn; So seh′ ich ihn in seinen Werken Gedankenvoll und einsam gehn.

Grau ist der Schuh an seinem Fusse, Grau Hut und Kleid, wie Luft und Land; Nun reicht er mir die Hand zum Grusse Und färbt mit Asche mir die Hand.

Das alte Lied, wo ich auch bliebe, Von Mühsal und Vergänglichkeit! Ein wenig Freiheit, wenig Liebe, Und um das Wie der arme Streit!

Wohl hör′ ich grüne Halme flüstern Und ahne froher Lenze Licht! Wohl blinkt ein Sichelglanz im Düstern, Doch binden wir die Garben nicht!

Wir dürfen selbst das Korn nicht messen, Das wir gesät aus toter Hand; Wir gehn und werden bald vergessen, Und unsre Asche fliegt im Land!

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Illustration zu Land im Herbste

Interpretation

Das Gedicht "Land im Herbste" von Gottfried Keller thematisiert die Melancholie und Vergänglichkeit des Lebens. Der Sprecher kehrt in seine alte Heimat zurück, die von herbstlicher Stimmung umgeben ist. Die Landschaft erscheint in grauen Tönen, was eine düstere und nachdenkliche Atmosphäre schafft. In den folgenden Strophen wird ein Mann beschrieben, der langsam über das Feld geht und etwas ausstreut. Zunächst fragt sich der Sprecher, ob es sich um den Geist verschollener Ahnen oder um einen Krieger handelt, der nach dem Kampf die Felder bestellt. Doch dann erkennt er, dass es sich um einen Gefährten seines Blutes handelt, der die müde Scholle mit Aschensaat stärkt. Dieser Mann erscheint müde und schwermütig, während er seine Arbeit verrichtet. Das Gedicht reflektiert über das menschliche Dasein, das von Mühsal und Vergänglichkeit geprägt ist. Der Sprecher erkennt, dass auch er selbst Teil dieses Zyklus ist. Er hört das Flüstern grüner Halme und ahnt die Freude des Frühlings, doch er bindet die Garben nicht und misst das Korn nicht. Er akzeptiert, dass er und seine Arbeit bald vergessen sein werden und dass seine Asche im Land verstreut wird. Das Gedicht endet mit einer resignativen Akzeptanz des Schicksals und der Vergänglichkeit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Wir gehn und werden bald vergessen, Und unsre Asche fliegt im Land
Personifikation
Wohl hör′ ich grüne Halme flüstern
Rhetorische Frage
Ist es der Geist verschollner Ahnen, Der kaum erstrittnes Land besät
Vergleich
Und weithin dämmert grau die Luft