L′ange du meridien
Chartres
Im Sturm, der um die starke Kathedrale
wie ein Verneiner stürzt der denkt und denkt,
fühlt man sich zärtlicher mit einem Male
von deinem Lächeln zu dir hingelenkt:
lächelnder Engel, fühlende Figur,
mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:
gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden,
abgleiten von der vollen Sonnenuhr,
auf der des Tages ganze Zahl zugleich,
gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,
als wären alle Stunden reif und reich.
Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein?
Und hältst du mit noch seligerm Gesichte
vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „L′ange du méridien“ von Rainer Maria Rilke, welches in Chartres angesiedelt ist, beschreibt die Begegnung mit einer lächelnden Engelsfigur an der Kathedrale. Der Fokus liegt auf der kontemplativen Betrachtung dieses Engels und der daraus resultierenden Fragen nach menschlicher Existenz und der Wahrnehmung von Zeit. Rilke nutzt dabei eine beeindruckende Bildsprache, um die Distanz zwischen der sterblichen Welt und der scheinbar unberührten Präsenz des Engels zu verdeutlichen.
Der erste Teil des Gedichts beginnt mit einer Beschreibung der rauen äußeren Umstände, dem „Sturm, der um die starke Kathedrale / wie ein Verneiner stürzt“. Dieser Sturm bildet einen starken Kontrast zu dem zarten Lächeln des Engels, das die Betrachter „zärtlicher“ zu ihm hinzieht. Der Engel wird als „fühlende Figur“ beschrieben, deren Mund aus „hundert Munden“ gemacht ist, was auf seine umfassende Fähigkeit zur Empathie und Kommunikation hindeutet. Die Frage, ob der Engel die flüchtige Natur der menschlichen Zeit wahrnimmt, deutet auf Rilkes Faszination für die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins hin.
Im zweiten Teil des Gedichts wird die Thematik der Zeit weiter vertieft. Die Sonnenuhr, auf der „des Tages ganze Zahl zugleich / gleich wirklich, steht“, symbolisiert die absolute, unveränderliche Zeit, die im Gegensatz zur subjektiven menschlichen Zeiterfahrung steht. Der Engel, als steinerne Figur, scheint in einer anderen Zeitdimension zu existieren, was Rilke zu der Frage veranlasst: „Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein?“. Diese Frage verdeutlicht die Kluft zwischen der menschlichen und der göttlichen Wahrnehmung.
Das Gedicht endet mit einer weiteren Frage, die die Beziehung zwischen dem Engel und der Nacht betont. Die Vorstellung, dass der Engel „vielleicht die Tafel in die Nacht hinein“ hält, wirft Fragen nach der Hoffnung und dem Glauben auf, die im Angesicht der Dunkelheit und des Todes aufrechterhalten werden können. Rilke wirft Fragen nach der Bedeutung des Lebens, der Zeit und der Transzendenz auf, indem er die Betrachtung des Engels nutzt, um die Natur der menschlichen Erfahrung zu ergründen und die Suche nach Sinn und Trost in der Welt zu reflektieren.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.