Künstlerleben

Max von Schenkendorf

1800

Erhabner, seliger Beruf, Zu dem der Geist, der Alles schuf, Mich vor der Zeit und Ewigkeit Als seinen Priester eingeweiht!

Ein Tempel, wo der Künstler lebt, Wo rings um ihn die Gottheit webt, Die er, wohin sein Fuß auch dringt, In ihrer Fülle mit sich bringt!

Sie nahm ihn früh auf ihren Schooß, Sie herzte ihn, sie zog ihn groß, Und, wo er geht und wo er steht, Ihr Lebensathem ihn umweht.

Wie lächelt ihm die grüne Flur, Er liest im Sanskrit der Natur; Wohin er fällt, sein Schöpferblick, Entströmt ihm Leben, Freud′ und Glück.

Wenn Abends er zur Zelle flieht, Mit ihm hinein die Göttin zieht, Es kommt der sanfte Mondenschein, Zum Heiligthum den Ort zu weihn.

Der Jüngling sinkt aufs Lager hin, Und hoch und höher strebt sein Sinn, Ihm öffnet sich das Himmelsthor, Im Traume steigt sein Geist empor.

Wer naht sich ihm im milden Glanz, Bringt Lorbeer ihm und Myrthenkranz? Das Ideal, das ihn umschwebt, Hat es ein Gott für ihn belebt?

»Willkommen auf der Erde hier! Bist willkomm′ und gesegnet mir! Nimm Altar gleich und Tempel ein, Füll′ ihn mit deinem Heil′genschein.«

O Liebe, Liebe, Dämmerung Von schönerer Verherrlichung, Des goldnen Tages Morgenroth, Dein Friedensherold ist der Tod.

Von dir erquickt, von dir gelabt, Mit einem höhern Sinn begabt, Von deinem Leben angehaucht, Dem Wonnemeer der Geist enttaucht.

O nimm mich traulich in den Arm, Hier ist es still, hier ist es warm. Da draußen ist′s so kalt und rauh. Hier Mondenschein, dort Nebelgrau!

Umfächle stets mich Himmelsluft, Verweh′ nicht Paradiesesduft - Mit Leib und Seele ganz und gar Weih′ ich mich deinem Hochaltar.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Künstlerleben

Interpretation

Das Gedicht "Künstlerleben" von Max von Schenkendorf thematisiert die erhabene Berufung des Künstlers als Priester der Schöpfung. Der Künstler wird als von göttlicher Seite auserwählt und geweiht dargestellt, der in seiner Kunst die Schönheit und Fülle der Natur zum Ausdruck bringt. Er ist ein Tempel, in dem die Gottheit wirkt, und trägt die göttliche Inspiration überall mit sich. Die Natur wird als heiliger Text verstanden, den der Künstler in ihrer tiefsten Bedeutung zu lesen vermag. Seine Schöpferkraft lässt überall Leben, Freude und Glück entstehen. Auch in der Einsamkeit seiner Künstlergemächer ist er von der göttlichen Muse begleitet, die ihm Inspiration und Erhebung schenkt. Im Traum erscheint ihm das Ideal, möglicherweise als Verkörperung der göttlichen Muse, und begrüßt ihn als willkommenen Priester auf Erden. Der Künstler fühlt sich von einer höheren Liebe getragen und gestärkt, die ihn befähigt, in seiner Kunst das Wonnemeer des Geistes zu entfalten. Er sehnt sich danach, sich ganz und gar dem Altar dieser erhabenen Berufung zu weihen.

Schlüsselwörter

geist tempel wohin bringt leben mondenschein sinn nimm

Wortwolke

Wortwolke zu Künstlerleben

Stilmittel

Apostrophe
Erhabner, seliger Beruf
Metapher
Weih' ich mich deinem Hochaltar
Personifikation
Das Ideal, das ihn umschwebt