Kühl und hart
1903Kühl und hart ist der heutige Tag. Die Wolken erstarren. Die Winde sind zerrende Taue. Die Menschen erstarren. Die Schritte klingen metallen Auf erzenen Steinen, Und die Augen schauen Weite weiße Seen.
In dem alten Städtchen stehn Kleine helle Weihnachtshäuschen, Ihre bunte Scheiben sehn Auf das schneeverwehte Plätzchen. Auf dem Mondlichtplatze geht Still ein Mann im Schnee fürbaß, Seinen großen Schatten weht Der Wind die Häuschen hinauf.
Menschen, die über dunkle Brücken gehn, vorüber an Heiligen mit matten Lichtlein.
Wolken, die über grauen Himmel ziehn vorüber an Kirchen mit verdämmernden Türmen. Einer, der an der Quaderbrüstung lehnt und in das Abendwasser schaut, die Hände auf alten Steinen.
(Aus einem Brief Kafkas vom 9. November 1903, in dem er als Zwanzigjähriger seinem Schulfreund Oskar Pollak von “einigen Versen” schreibt, die er “in guten Stunden lesen” möge)
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Interpretation
Das Gedicht "Kühl und hart" von Franz Kafka zeichnet ein winterliches, düsteres und fast bedrückendes Bild der Umwelt und der Menschen. Die Kälte und Härte des Tages werden durch gefrorene Wolken, metallisch klingende Schritte und erstarrende Menschen symbolisiert. Die Umgebung wird als karg und leblos dargestellt, mit "erzenen Steinen" und "weißen Seen", was eine Atmosphäre der Isolation und Einsamkeit schafft. In der zweiten Strophe wird ein altes Städtchen beschrieben, das mit kleinen, hellen Weihnachtshäuschen geschmückt ist. Trotz der festlichen Dekorationen und des Mondlichts, das den Platz erhellt, wirkt die Szene eher melancholisch. Ein Mann geht still durch den Schnee, sein großer Schatten wird vom Wind über die Häuser geweht. Dies könnte die Vergänglichkeit und die Einsamkeit des Menschen in einer kalten, gleichgültigen Welt symbolisieren. Die letzten beiden Strophen vertiefen die düstere Stimmung. Menschen gehen über dunkle Brücken an Heiligen mit matten Lichtlein vorbei, was auf eine spirituelle Leere oder Entfremdung hindeuten könnte. Wolken ziehen über grauen Himmel an Kirchen mit verdämmernden Türmen vorbei, was eine Atmosphäre der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit schafft. Ein Mann lehnt an einer Brüstung und schaut in das Abendwasser, seine Hände ruhen auf alten Steinen. Diese Szene könnte die Suche nach Bedeutung oder Trost in einer kalten, gleichgültigen Welt darstellen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Einer, der an der Quaderbrüstung lehnt und in das Abendwasser schaut, die Hände auf alten Steinen.
- Metapher
- Seinen großen Schatten weht Der Wind die Häuschen hinauf.
- Personifikation
- Wolken, die über grauen Himmel ziehn