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Krokodilromanze

Von

Ich bin ein altes Krokodil
Und sah schon die Osirisfeier;
Bei Tage sonn ich mich im Nil,
Bei Nacht am Strande leg ich Eier.

Ich weiß mit listgem Wehgekreisch
Mir stets die Mahlzeit zu erwürken;
Gewöhnlich freß ich Mohrenfleisch
Und sonntags manchmal einen Türken.

Und wenn im gelben Mondlicht rings
Der Strand liegt und die Felsenbrüche,
Tanz ich vor einer alten Sphinx,
Und lausch auf ihrer Weisheit Sprüche.

Die Klauen in den Sand gepflanzt,
Tiefsinnig spricht sie: Tochter Thebens,
Friß nur was du verdauen kannst!
Das ist das Rätsel deines Lebens.

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Gedicht: Krokodilromanze von Emanuel Geibel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Krokodilromanze“ von Emanuel Geibel zeichnet ein ironisches Porträt eines alten Krokodils, das durch seine Lebenserfahrungen eine gewisse Weisheit erlangt hat. Die Erzählperspektive aus der Sicht des Reptils verleiht dem Gedicht eine besondere Note, die Humor und philosophische Betrachtungen verbindet. Das Krokodil, das in den ersten Strophen als unheimliches Wesen dargestellt wird, das sich am Nil sonnt und Menschen verspeist, entwickelt sich in den letzten Versen zu einer Figur, die nach tieferem Sinn sucht.

Geibel nutzt das Krokodil als Metapher für das Leben selbst, das sowohl von weltlichen Bedürfnissen wie Nahrungsaufnahme als auch von der Sehnsucht nach Erkenntnis geprägt ist. Die erste Strophe beschreibt das Krokodil als uraltes Wesen, das schon die Osirisfeier gesehen hat, was seine lange Lebensspanne und die Erfahrung vergangener Zeiten betont. Die zweite Strophe verdeutlicht die rücksichtslose Natur des Krokodils, das mit List seine Beute erlangt und sich hauptsächlich von menschlichem Fleisch ernährt. Der Hinweis auf „Mohrenfleisch“ und „einen Türken“ ist ein Produkt der Zeit, in der das Gedicht entstanden ist und sollte vor diesem Hintergrund kritisch betrachtet werden.

Die dritte Strophe ist der Wendepunkt des Gedichts. Hier wird die Szene in das gelbe Mondlicht verlegt, in der das Krokodil vor der Sphinx tanzt und deren „Weisheit Sprüche“ erlauscht. Dieses Aufeinandertreffen von tierischer Natur und philosophischer Reflexion verleiht dem Gedicht eine tiefere Ebene. Die Sphinx, Symbol der Weisheit, gibt dem Krokodil den entscheidenden Rat, „Friß nur, was du verdauen kannst! Das ist das Rätsel deines Lebens.“ Dieser Satz fasst die Botschaft des Gedichts zusammen.

Die Kernaussage des Gedichts ist die einfache, aber fundamentale Weisheit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Krokodil, das zunächst als Symbol der rohen Gewalt und des Instinkts erscheint, wird durch die Begegnung mit der Sphinx und deren Ratschlag zu einem Bild der Selbstbegrenzung und der Akzeptanz der eigenen Möglichkeiten. Die Botschaft lässt sich auf das menschliche Leben übertragen: Man soll sich auf das konzentrieren, was man bewältigen kann, und sich nicht von übermäßigen Ansprüchen oder Wünschen überwältigen lassen. Die „Krokodilromanze“ ist somit eine überraschende Kombination aus Humor, makabrem Realismus und philosophischer Reflexion.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.