Kritik
1890Da oben spielen sie ein schweres Drama mit Weltanschauung, Kampf von Herz und Pflicht: Susannen attackiert ein ganz infama Patron und läßt sie nicht.
Ich sitze im Parkett und zück den Faber und schreibe auf, ob alles richtig sei; Exposition, geschürzter Knoten – aber ich denk mir nichts dabei.
Mein Herz weilt fromm bei jenem lieben Kinde, das lächelnd eine Kindermagd agiert: ich streichle ihr im Geiste sehr gelinde, was sie so lieblich ziert,
Nun sieh mal einer diese süßen Pfoten, dies Seidenhaar mit einem Häubchen drauf – es gibt da sicher manch geschürzten Knoten: ich löst ihn gerne auf.
Wer sagte da, dass ich nicht sachlich bliebe? (Nu sieh mal einer dieses schlanke Bein!) Begeisterung, Freude am Beruf und ›Liebe‹ –: So soll es sein!
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Interpretation
Das Gedicht "Kritik" von Kurt Tucholsky beschreibt die Erfahrung eines Theaterkritikers, der ein Drama im Parkett ansieht. Während auf der Bühne ein schweres Drama mit Weltanschauung und Kampf von Herz und Pflicht gespielt wird, ist der Kritiker mehr mit seinen eigenen Gedanken und Empfindungen beschäftigt. Er konzentriert sich auf die technischen Aspekte des Stücks, wie Exposition und geschürzte Knoten, und denkt dabei an nichts Besonderes. Der Kritiker wird jedoch von einer anderen Szene im Stück abgelenkt: einer Kindermagd, die lächelnd agiert. Sein Herz verweilt bei diesem "lieben Kind", und er streichelt ihr im Geiste das, was sie so lieblich ziert. Er bewundert ihre süßen Pfoten und ihr Seidenhaar mit einem Häubchen darauf und löst gerne die geschürzten Knoten, die es da sicher gibt. Das Gedicht endet mit einer ironischen Selbstreflexion des Kritikers, der fragt, wer behauptet hat, dass er nicht sachlich geblieben sei. Er erwähnt sein Bein und spricht von Begeisterung, Freude am Beruf und "Liebe" – so soll es sein. Dies deutet darauf hin, dass der Kritiker seine eigene Unprofessionalität und Ablenkung durch die kindliche Schönheit der Schauspielerin anerkennt, aber auch ironisch verteidigt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- bildsprache
- Ich sitze im Parkett und zück den Faber und schreibe auf, ob alles richtig sei
- hyperbel
- Nun sieh mal einer diese süßen Pfoten, dieses Seidenhaar mit einem Häubchen drauf
- ironie
- Wer sagte da, dass ich nicht sachlich bliebe? (Nu sieh mal einer dieses schlanke Bein!)
- kontrast
- Mein Herz weilt fromm bei jenem lieben Kinde, das lächelnd eine Kindermagd agiert
- metapher
- Da oben spielen sie ein schweres Drama mit Weltanschauung, Kampf von Herz und Pflicht