Kriegserklärung

Johann Wolfgang von Goethe

1749

Wenn ich doch so schön wär′ Wie die Mädchen auf dem Land! Sie tragen gelbe Hüte Mit rosenrotem Band.

Glauben, daß man schön sei, Dächt′ ich, ist erlaubt. In der Stadt, ach! ich hab′ es Dem Junker geglaubt.

Nun im Frühling, ach! ist′s Um die Freuden getan; Ihn ziehen die Dirnen, Die ländlichen, an.

Und die Taill′ und den Schlepp Verändr′ ich zur Stund′; Das Leibchen ist länger, Das Röckchen ist rund.

Trage gelblichen Hut, Und ein Mieder wie Schnee; Und sichle, mit Andern Den blühenden Klee.

Spürt er unter dem Chor Etwas Zierliches aus; Der lüsterne Knabe, Er winkt mir ins Haus.

Ich begleit′ ihn verschämt, Und er kennt mich noch nicht; Er kneipt mir die Wangen Und sieht mein Gesicht.

Die Städterin droht Euch Dirnen den Krieg, Und doppelte Reize Behaupten den Sieg.

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Illustration zu Kriegserklärung

Interpretation

Das Gedicht "Kriegserklärung" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von einer städtischen Frau, die sich nach einem amourösen Misserfolg in der Stadt dazu entschließt, ihr Äußeres zu verändern und einen ländlichen Lebensstil anzunehmen. Die Protagonistin, die sich mit ihrem urbanen Erscheinungsbild und ihrer Art nicht durchsetzen konnte, findet im ländlichen Gewand und Verhalten neue Anziehungskraft. Sie verwandelt ihre Kleidung, trägt einen gelben Hut mit rosigem Band, ein längeres Leibchen und ein rundes Röckchen, was ihre Anpassung an das Landleben symbolisiert. Diese Veränderung ist nicht nur äußerlich, sondern auch eine Anpassung an die ländlichen Sitten und die Natur, wie das Sammeln von Klee mit anderen. In der zweiten Strophe beobachtet die Sprecherin, wie ihre neue Erscheinung und ihr Verhalten den lüsternen Jungen anziehen. Sie begleitet ihn verschämt, und er erkennt sie nicht mehr als Stadtbewohnerin, sondern ist von ihrem ländlichen Charme gefesselt. Dies zeigt, dass die Veränderung erfolgreich war und sie nun die Aufmerksamkeit erhält, die sie sich wünscht. Die Verwandlung in eine "ländliche Dirne" ist somit ein Mittel zum Zweck, um die Zuneigung des Jungen zu gewinnen. Das Gedicht endet mit einer Art "Kriegserklärung" der städtischen Frau an ihre ländlichen Konkurrentinnen. Die städtische Frau, die sich nun mit doppelten Reizen ausgestattet hat – sowohl mit ihrer urbanen Intelligenz als auch mit ländlicher Anmut – behauptet ihren Sieg über die ländlichen Mädchen. Dies kann als ironische Aussage interpretiert werden, da die städtische Frau durch Nachahmung und Anpassung an das Landleben Erfolg hat, was auf den ersten Blick als eine Art von kultureller Aneignung oder Täuschung gesehen werden könnte. Das Gedicht reflektiert somit Themen wie Identität, Anpassung und die Komplexität sozialer Interaktionen zwischen verschiedenen Lebenswelten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Trage gelblichen Hut, / Und ein Mieder wie Schnee
Hyperbel
Wenn ich doch so schön wär′
Ironie
Glauben, daß man schön sei, / Dächt′ ich, ist erlaubt.
Metapher
Und doppelte Reize / Behaupten den Sieg.
Personifikation
Die Städterin droht / Euch Dirnen den Krieg
Vergleich
Wenn ich doch so schön wär′ / Wie die Mädchen auf dem Land!