Krähen

Gertrud Kolmar

1894

Ich will den Tag verbringen in den Feldern, Will lächerlich wie jene Scheuche stehn; Die großen Vögel möchten aus den Wäldern Auch so auf mein Gewand herniederwehn,

Um Schultern krallen, flüstern in mein Ohr Aus Mären, die im grünen Buch sie lasen, Von Hugin und von Munin, Tyr und Thor, Von Yggrasill dem Weltenbaum der Asen,

Und von der Väter Dienstwerk beim Adepten, Des Roten Leuen Sud, dem Blumengift, Der Mauerspalte, drein sie bergend schleppten Des siechen Herrn geheim erfundne Schrift,

Und anderes Gewinde, blumig kraus, Altfränkisch duftend wie Levkojenblüten, Was ihnen nachtrab schrieb und Fledermaus Und was sie selbst in klugen Häuptlein hüten.

Doch manche würden gleich die Scholle hacken um meine Füße, die zum Kosten lädt So wie ein Würzbrot, feucht und frisch vom Backen, Bereitet mit dem blanken Feldgerät,

An weißen mandeln und dem Zitronat, An Engerlingen sich und Würmern letzen, Der Süße endlich satt zu Rast und Rat Und schweigend sich auf meine Hände setzen.

Und einmal schlügen Schwärme, Riesenwehe, Den wilden Flug aus Mitternacht mir nah Mit harten Liedern, die nur ich verstehe, In ihrem scharfen, ungefügen Krah,

Mit unheilvollem Braus im düstren Kleid Und mit erzürntem, drohendem Bewegen; So fielen sie in gotteslose Zeit Und auf die Länder als ein schwarzer Regen,

Die Welt verstummte. Bis der Weiler stöhnte. Und weithin klagte heulend eine Stadt Zerfreßnes Auge, das den Vater höhnte Und seiner Mutter Herz verstoßen hat.

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Illustration zu Krähen

Interpretation

Das Gedicht "Krähen" von Gertrud Kolmar beschreibt den Wunsch des lyrischen Ichs, einen Tag auf einem Feld zu verbringen und von Krähen umgeben zu sein. Das Gedicht beginnt mit einer ruhigen und idyllischen Stimmung, in der das Ich sich als lächerlicher Vogelscheuche vorstellt, die von den Krähen umkreist wird. Die Vögel erzählen dem Ich Geschichten aus der nordischen Mythologie und von geheimen Wissens, das sie von Adepten und Gelehrten gelernt haben. In den folgenden Strophen wird die Stimmung bedrohlicher. Einige Krähen hacken die Scholle um die Füße des Ichs, als ob sie es als Opfer für ihren Hunger betrachten würden. Das Ich imaginiert, wie die Vögel sich von den süßen Leckereien ernähren, die es auf seinen Händen platziert hat. Schließlich erscheinen riesige Schwärme von Krähen aus der Mitternacht, die mit harten Liedern und unheilvollem Brausen auf das Ich und die Welt herabstürzen. Die Welt verstummt, bis ein Weiler und eine Stadt in Klage und Heulen ausbrechen, weil sie von den Krähen verzehrt wurden. Das Gedicht kann als eine Allegorie für die Zerstörungskraft der Natur und die Vergänglichkeit des Lebens interpretiert werden. Die Krähen symbolisieren den Tod und die Vergänglichkeit, während das Ich als Opferfigur dient, das von den Vögeln umgeben und schließlich von ihnen verzehrt wird. Die nordische Mythologie und das geheime Wissen, das die Krähen besitzen, können als Symbole für die menschliche Suche nach Bedeutung und Erkenntnis im Angesicht des Todes dienen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
An weißen mandeln und dem Zitronat
Allusion
Von Hugin und von Munin, Tyr und Thor, Von Yggrasill dem Weltenbaum der Asen
Bildsprache
Altfränkisch duftend wie Levkojenblüten
Hyperbel
Doch manche würden gleich die Scholle hacken um meine Füße
Metapher
Und auf die Länder als ein schwarzer Regen
Onomatopoesie
In ihrem scharfen, ungefügen Krah
Personifikation
Die Welt verstummte
Symbolik
Zerfreßnes Auge, das den Vater höhnte Und seiner Mutter Herz verstoßen hat
Vergleich
So wie ein Würzbrot, feucht und frisch vom Backen