Konfession
unknownI.
Wohl mir, daß ich, im altprotestantischen Lande geboren, Stärkende Ketzerluft durfte schon athmen als Kind! Freilich es ist gesorgt, daß nicht in den Himmel die Bäume Wachsen; des Heidenthums wahrte noch Luther genug; Augurn fehlen uns nicht; wenn dumm der Staat sie begünstigt, Schießt das Tyrannengelüst lustig und üppig in’s Kraut, Ja in Synedriumsgeist amtiren Söhne von Denkern, Daß sich der Vater im Grab wendete, könnt’ er es seh’n. Wahr ist auch, ein trockner Geruch, ein saurer, verhockter, Altgebackner umhaucht unserer Kirche Gestühl. Aber stetig und stark durch Thüren und Fenster und Ritzen Streicht doch ein frischer Zug lebender Lüfte herein, Und es erfreut mich doch, so gründlich verachtet zu sehen Fetisch und Heiligendienst, Dalai Lama in Rom, Und ich vernehme ihn gern, den altsprichwörtlichen Ausruf – Schad wär’s, käme er ab, hoffentlich bleibt er im Brauch, Oefters hört man ihn noch, wenn Einer so recht desperat ist Und die verrückteste That wüthend für möglich erklärt –: »Wetter! Da möchte man ja vor Zorn katholisch noch werden!« Ruft er und schlägt auf den Tisch, hat sich entlastet und lacht.
II.
Grund zur Toleranz.
War da ein freundlicher Herr, auch ließ sich viel mit ihm reden, Staat und Religion nahmen wir vor im Gespräch. Ganz frei war er im Geist und gleich war’s, ob an dem einen Oder am andern Altar er einst die Taufe empfieng; Keinerlei Neugier spürt’ ich, doch also lenkt’ er die Rede, Daß er mich merklich zwang, endlich zu fragen danach. Sind Sie katholisch? fragt’ ich ihn denn, er lächelte, nickte, Ja, mit Verlaub, mein Herr, sagt er, so bin ich getauft; Aber wissen’s, da war ich halt noch ein winziges Kindlein, Armer gewickelter Wurm, konnte mich wehren noch nicht.
III.
Grund zur Intoleranz.
Bist du geärgert, Leser? Ich will’s nicht hoffen, ich zählte Gar so von Herzen gern zu den Vernünftigen dich, O zu dem lichten Kreis der denkenden Geistergemeinde, Wie sie im Klaren wohnt über dem Dunste der Welt. Glieder von allerlei Volk umfaßt die vertraute Gesellschaft, Und nach dem Taufbuch wird Keiner von Keinem gefragt. Kirchen gibt es da nicht, da gibt’s nicht Religionen, Aber in heiligem Ernst waltet die Religion. Doch so sanft sind sie nicht, die einverstandenen Geister, Als sie im weichen Gemüth sich der Empfindsame denkt; Freilich, sie sind tolerant, doch je toleranter, um desto Mehr auch intolerant gegen die Intoleranz; Herzlichen Mitleids voll dem Volke der armen Bethörten, Aber gründlichen Haß gegen die Pfleger des Wahns! Denn sie hasset den Wahn, die Vernunft, sie muß ihn ja hassen, Muß ihn bekriegen wie Phöbus Apollo die Nacht. Kennst du in Lessing nur den milden Dichter des Nathan, Bloß zur Hälfte fürwahr kennst du den herrlichen Mann. Lies du den »Antigöze« und sieh ihn wettern und blitzen Gegen des Pfaffenthums päpstisches Ketzergericht. Kennst du den heiligen Zorn auf Schillers leuchtender Stirne? Siehst du in seiner Faust blinken das schneidige Schwert? Kennst du das Gorgohaupt, von dessen Betrachtung er herkommt, Unserer Leidenszeit blutiges, grasses Gespenst? Dreißig Jahre des Kriegs mit jenen finsteren Mächten, Der das gesegnete Land endlich zur Wüste verkehrt! Glaubst du, er senkte sein Schwert und bärg’ es zahm in die Scheide, Schwebte er heute zu uns nieder in’s irdische Thal, Säh’ er am Ambos steh’n die schwarzen Gesellen und eifrig Nägel, spitzig und lang, schmieden zum Sarge des Reichs? Unseres deutschen Reichs, mit theurem Blute gekittet, Daß wir als Nation endlich mit Ehren besteh’n, Ja mit Strömen des Bluts, wie einst es die Ahnen vergossen Für des Gewissens Recht gegen die Ketten des Wahns – Glaubst du, er senkte sein Schwert? Er zückt’ es blitzend und schlüge Hauend mit Geistermacht unter die Rotten des Feinds. O, sie ruhen ja nicht, sie sorgen dafür, daß die grause Blut’ge Erinnerung nicht schlafe im Sarge der Zeit! Könnten sie nur, sie würden den Holzstoß schichten noch heute Und die Opfer mit Lust sehen zu Asche verglüh’n.
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Interpretation
Das Gedicht "Konfession" von Friedrich Theodor Vischer ist eine vielschichtige Reflexion über religiöse Toleranz und Intoleranz. In der ersten Strophe drückt der Sprecher seine Dankbarkeit für seine protestantische Erziehung aus, die ihm ermöglichte, kritisch und frei zu denken. Er schätzt die Freiheit, die ihm geboten wurde, sich von orthodoxen Glaubenssätzen zu distanzieren und die katholische Kirche zu kritisieren. Die Strophen zwei und drei vertiefen diese Themen, indem sie die Bedeutung von Toleranz und Intoleranz in Bezug auf religiöse Überzeugungen untersuchen. In der zweiten Strophe wird die Bedeutung von Toleranz durch ein Gespräch mit einem freundlichen Herrn verdeutlicht, der unabhängig von seiner katholischen Taufe offen für verschiedene religiöse Ansichten ist. Dies zeigt, dass Toleranz auf gegenseitigem Respekt und Verständnis beruht, unabhängig von den eigenen religiösen Wurzeln. Die dritte Strophe hingegen betont die Notwendigkeit von Intoleranz gegenüber Intoleranz. Hier argumentiert der Sprecher, dass vernünftige Menschen Intoleranz gegenüber denen zeigen müssen, die dogmatische und unterdrückerische religiöse Ansichten vertreten. Dies wird durch Verweise auf historische Figuren wie Lessing und Schiller untermauert, die sich gegen religiösen Fanatismus und Unterdrückung aussprachen. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine komplexe Sicht auf religiöse Toleranz und Intoleranz. Es plädiert für eine offene und kritische Haltung gegenüber religiösen Überzeugungen, während es gleichzeitig die Notwendigkeit betont, intolerant gegenüber intoleranten und unterdrückerischen religiösen Praktiken zu sein. Vischer fordert die Leser auf, sich aktiv für Vernunft und Freiheit einzusetzen und sich gegen religiösen Fanatismus zur Wehr zu setzen.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Die Opfer mit Lust sehen zu Asche verglüh'n