Komm heraus, o Herr

Hugo Ball

1912

Komm heraus, o Herr, komm heraus, o Herr, Und tanz mit meiner Seel. Sie ist so rein und wohlgebaut. Du hast sie auch schon angeschaut, Drum ist sie ohne Fehl.

Stehe auf, o Herr, stehe auf, o Herr. Und führe mich zum Tanz. Durch die Lichterflut Über Grab und Schutt. O, du überirdischer Glanz!

Komm herab, o Herr, komm herab, o Herr, Wir sehnen uns nach dir. Das Herze überzückt sich fast. Dein Wirbel hat uns angefaßt. Nun sind wir nicht mehr hier.

Der Ohnmacht nah, wie wunderbar Ruht sichs in deinem Arm. Kein schlechter Mensch dringt bis hierher. Keine Nacht und Kält und Hunger mehr. Hier ist uns wohl und warm.

Wie du fröhlich bist, Herr Jesus Christ, Du süßer Bräutigam! Über Nacht und Tag, wer′s fassen mag, Wer′s lassen oder hassen mag, Die Seele zu dir kam.

Wie du löblich bist und erheblich bist, Das ist ein himmlisch Spiel. Wie du groß und stark und gewaltig bist. Wie du licht- sind feuergestaltig bist, Das sag ich nicht zuviel.

Laß nach, o Herr, laß nach, o Herr, Mir schwindet Sinn um Sinn. Meine Schulter hat sich müd gewiegt. Ich weiß nicht, was mich so beglückt, Ob ich tot oder lebend bin.

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Illustration zu Komm heraus, o Herr

Interpretation

Das Gedicht "Komm heraus, o Herr" von Hugo Ball ist eine leidenschaftliche Einladung an Gott, sich der Seele des lyrischen Ichs zu offenbaren und mit ihr zu tanzen. Die Seele wird als rein und wohlgebaut beschrieben, was ihre Vollkommenheit und Bereitschaft für die göttliche Begegnung unterstreicht. Das Ich sehnt sich danach, von Gott geführt zu werden, durch die Dunkelheit des Lebens hindurch zu einem höheren, erleuchteten Zustand zu gelangen. Die zweite Strophe betont die tiefe Sehnsucht des Ichs nach der Gegenwart Gottes. Die Seele ist von Gottes Wirbel ergriffen und befindet sich in einem Zustand der Ekstase, in dem sie die irdische Welt hinter sich lässt. Die Nähe zu Gott bringt ein Gefühl der Geborgenheit und des Schutzes, fernab von den Sorgen und Nöten des Alltags. In den folgenden Strophen preist das Ich die Größe und Herrlichkeit Gottes, der als fröhlicher Bräutigam und als Quelle des Lichts und der Kraft dargestellt wird. Die Seele ist so überwältigt von der göttlichen Gegenwart, dass sie den Unterschied zwischen Leben und Tod verliert. Das Gedicht endet mit einer Bitte an Gott, nachzulassen, da das Ich von der Intensität der Erfahrung überwältigt ist und den klaren Verstand verliert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Laß nach, o Herr, laß nach, o Herr
Anapher
Komm heraus, o Herr, komm heraus, o Herr
Hyperbel
Wie du licht- sind feuergestaltig bist
Metapher
Wie du licht- sind feuergestaltig bist
Paradox
Ob ich tot oder lebend bin
Personifikation
Die Seele zu dir kam