König Dichter
1834Der Dichter steht mit dem Zauberstab Auf wolkigem Bergesthrone Und schaut auf Land und Meer hinab Und blickt in jede Zone.
Für seine Lieder nah und fern Sucht er den Schmuck, den besten; Mit ihren Schätzen dienen ihm gern Der Osten und der Westen.
An goldnen Quellen läßt er kühn Arabiens Palmen rauschen, Läßt unter duft’gem Lindengrün Die deutschen Veilchen lauschen.
Er winkt, da öffnet die Ros’ in Glut Des Kelches Heiligtume, Und schimmernd grüßt aus blauer Flut Den Mond die Lotosblume.
Er steigt hinab in den schwarzen Schacht, Taucht in des Ozeans Wellen, Und sucht der roten Rubinen Pracht, Und bricht die Perlen, die hellen.
Er gibt dem Schwane Wort und Klang, Er heißt die Nachtigall flöten, Und prächtig weben in seinem Gesang Sich Morgen- und Abendröten.
Er läßt das weite unendliche Meer In seine Lieder wogen, Ja, Sonne, Mond und Sternenheer Ruft er vom Himmelsbogen.
Und alles fügt sich ihm sogleich, Will ihn als König grüßen; Er aber legt sein ganzes Reich Dem schönsten Kind zu Füßen.
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Interpretation
Das Gedicht "König Dichter" von Emmanuel Geibel beschreibt die Macht und den Einfluss des Dichters. Der Dichter wird als eine Art Magier dargestellt, der auf einem Bergthron sitzt und mit seinem Zauberstab die Welt beherrscht. Er hat die Fähigkeit, die Schönheit der Natur und der verschiedenen Kulturen in seinen Gedichten einzufangen und zu verarbeiten. Der Dichter sucht nach den besten Elementen für seine Lieder und zieht Inspiration aus dem Osten und dem Westen. Er lässt die Palmen Arabiens rauschen und die deutschen Veilchen lauschen. Er öffnet die Rosenblüten und lässt die Lotosblume aus dem Wasser grüßen. Er taucht in den Ozean, um Rubine und Perlen zu finden. Er gibt dem Schwan eine Stimme und lässt die Nachtigall flöten. Er webt Sonnenauf- und -untergänge in seinen Gesang und lässt das Meer in seinen Liedern wogen. Er ruft sogar die Himmelskörper herbei. Alles fügt sich dem Dichter und will ihn als König grüßen. Doch der Dichter legt sein ganzes Reich dem schönsten Mädchen zu Füßen. Dies könnte als eine Metapher für die Hingabe des Dichters an die Liebe und die Schönheit verstanden werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- An goldnen Quellen läßt er kühn Arabiens Palmen rauschen
- Bildsprache
- Und prächtig weben in seinem Gesang sich Morgen- und Abendröten
- Kontrast
- Läßt unter duft'gem Lindengrün die deutschen Veilchen lauschen
- Metapher
- Er aber legt sein ganzes Reich dem schönsten Kind zu Füßen
- Personifikation
- Und alles fügt sich ihm sogleich, will ihn als König grüßen
- Symbolik
- Er winkt, da öffnet die Ros' in Glut des Kelches Heiligtume