Köln

Walter Rheiner

1917

Ich komme am Dom vorbei. Der steht da - unersättlich, mit der großen in die Nacht hineingreifenden Gebärde -

Kleine weiche Kokotten stehen im Schatten der Häuser und haben jenes mir ach so bekannte Zucken um den Mund, wenn ein großer gedunsener Mann auf sie zutappt und mit breiten Froschfingern ihre kleine Brust betastet.

Und ich stehe auf dem Bahnhof.

Da liegt der braune Zug in den Gleisen, der nachts seine Not von London über Ostende, Berlin und Warschau nach Moskau heult, atmend wie ein gepeinigtes Tier.

Und ich weiß: -

Um diese Zeit sinken schwere Wolken von Schnee tief in die kanadischen Wälder; um diese Zeit wälzt sich ein kranker, müder Krake auf dem Meeresgrund dem Tode zu; um diese Zeit bröckelt wieder eine zermorschte Landschaft von dem greisen Monde ab. –

Und ich weiß: -

Ich empfinde das alles: das tiefe Elend, in dem ich liege, das helle Glück, zu dem ich fliege in anderen Stunden;

in mir ist die Angst des Bibers; der Hunger des Kängurus, das unter südlichen Sternen einsam auf flüsternden Steppen springt; meine Seele ist ein Zwinger voll wilder Tiere, voll lauernder, boshafter Affen und nagender Hyänen;

und ich bin machtlos, arm; ich falle vor ihr nieder wie ein nackter Wilder, der im heißen Dunst und Dunkel brütender Sümpfe die Kugelblitze um den Kilimandscharo rollen hört; -

und doch weine ich und lache und singe mit zersprungenen Lippen; und mein Herz glüht wie eine Perle, und meine Augen sind Diamanten: -

Meine Welt! Meine tanzende, große Welt!

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Illustration zu Köln

Interpretation

Das Gedicht "Köln" von Walter Rheiner zeichnet ein Bild der Großstadt und der damit verbundenen Eindrücke und Gefühle. Der Dichter durchquert Köln und beschreibt dabei verschiedene Szenen und Orte, die ihm begegnen. Der Kölner Dom steht dabei als mächtiges Symbol für die Stadt, während er gleichzeitig als unersättlich und in die Nacht hineinreichend beschrieben wird. Der Dichter beobachtet auch die zwielichtigen Seiten der Stadt, wie die "kleinen weichen Kokotten", die im Schatten der Häuser auf Kundschaft warten. Diese Szene wird kontrastiert mit der Ankunft eines "großen gedunsenen Mannes", der die Frauen betatscht. Die Beschreibung dieser Szene ist sehr detailliert und erweckt den Eindruck, als ob der Dichter selbst dabei anwesend wäre. Der Bahnhof und der braune Zug, der nachts von London über Ostende, Berlin und Warschau nach Moskau fährt, werden als Symbole für die Vernetzung der Welt und die Geschwindigkeit des modernen Lebens dargestellt. Der Zug wird als "gepeinigtes Tier" beschrieben, das "seine Not heult", was die Härte und Brutalität des modernen Lebens unterstreicht. Der Dichter reflektiert über die Weite und Vielfalt der Welt und seiner eigenen Gefühle. Er beschreibt die verschiedenen Orte und Situationen, die ihm einfallen, wie den kanadischen Wald, den Meeresgrund und den Mond. Diese Beschreibungen werden von einem Gefühl der Hilflosigkeit und Machtlosigkeit begleitet, das der Dichter in sich selbst empfindet. Trotzdem gibt es auch Momente der Freude und des Glücks, die der Dichter erlebt. Er beschreibt sein Herz als "glühende Perle" und seine Augen als "Diamanten". Diese Bilder symbolisieren die Schönheit und den Wert, den der Dichter in der Welt und in sich selbst findet. Das Gedicht endet mit der Aussage "Meine Welt! Meine tanzende, große Welt!", was die Begeisterung und die Liebe des Dichters für die Welt und das Leben zum Ausdruck bringt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
meine Augen sind Diamanten
Personifikation
Der Dom steht da - unersättlich, mit der großen in die Nacht hineingreifenden Gebärde
Vergleich
Ich falle vor ihr nieder wie ein nackter Wilder