Kleiner Roman
Sie lernte Stenographin.
Er war Engros-Kommis.
Im Speisewagen traf ihn
ein Blick. Er liebte sie.
Auf einer Haltestelle
brach man die Reise ab,
woselbst er im Hotelle
sie als sein Weib ausgab.
Nicht viel, das man sich fragte.
Doch küßten sie genug.
Und als der Morgen tagte,
ging schon der nächste Zug.
Nach einer kurzen Stunde
fand ihre Fahrt den Schluß.
Er nahm von ihrem Munde
noch einen heißen Kuß.
Er sah sie schnupftuchwinkend
noch stehn zum letztenmal,
und in sein Auge blinkend
sich eine Träne stahl.
Er soll sie heut noch lieben.
Sie war so drall und jung.
Ihr ist ein Kind geblieben
und die Erinnerung.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Kleiner Roman“ von Erich Mühsam erzählt in knappen Versen eine tragische Liebesgeschichte, die sich in der Flüchtigkeit einer Zugreise entfaltet. Der Titel selbst, „Kleiner Roman“, deutet auf die Verkürzung und Verdichtung eines eigentlich umfangreichen Lebensabschnitts hin, der hier auf wenige Strophen reduziert wird. Die Kürze der Verse und die einfache Sprache unterstreichen die Schnelligkeit der Ereignisse und die daraus resultierende Unausweichlichkeit des Schicksals der beiden Protagonisten. Der Fokus liegt auf der Intensität der Gefühle und der Kürze des Glücks, das durch die rasche Trennung umso schmerzlicher wird.
Die erste Strophe etabliert die Ausgangssituation: Zwei Menschen begegnen sich, verlieben sich und heiraten spontan. Die schnellen Schritte von der Begegnung zur Ehe, dargestellt durch die knappe Sprache, unterstreichen die Heftigkeit der Gefühle, die sich in kurzer Zeit entwickeln. Die „Haltestelle“ und das „Hotelle“ werden zum Schauplatz dieses überstürzten Glücks, das jedoch nur von kurzer Dauer ist. Die Frage, ob sie sich überhaupt etwas gefragt haben, impliziert eine gewisse Naivität und Unüberlegtheit in ihrer Entscheidung, die das spätere Scheitern vorwegnimmt.
Die weiteren Strophen zeichnen das rasche Ende der Beziehung nach. Die kurze gemeinsame Zeit in der Hochzeitsnacht wird durch den Abschied am Bahnhof abgelöst. Die „heißen Küssen“ und die Abschiedsgeste, das Schnupftuchwinken, verstärken die Dramatik des Abschieds und die Sehnsucht nach dem anderen. Die Träne im Auge des Mannes zeugt von der Tiefe seiner Gefühle und der Erkenntnis des Verlusts. Die flüchtige Natur der Beziehung und die unvermeidliche Trennung werden durch die ständige Bewegung der Züge und die Kürze der Aufenthalte betont.
Das Gedicht endet mit einem Rückblick auf die Konsequenzen dieser flüchtigen Romanze. Das Mädchen ist schwanger geblieben, und ihre „Erinnerung“ zeugt von der anhaltenden Bedeutung dieser kurzen, intensiven Beziehung. Der Mann liebt sie „heut noch“, was die Unvergänglichkeit der Gefühle verdeutlicht, trotz der kurzen Zeit, die sie zusammen verbracht haben. Mühsam schafft es, in wenigen Worten eine ganze Geschichte zu erzählen, die von Leidenschaft, Romantik, Verlust und dem unausweichlichen Lauf des Lebens handelt. Die tragische Ironie liegt darin, dass die Spontaneität und die Intensität der Liebe gleichzeitig ihre Zerstörung bewirken.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.