Kleine Dorfgeschichte

Auguste Kurs

1815

Ich sitze vor der Thüre, mir thut die Sonne gut, Bin gar ein altes Wesen, doch hab′ ich frischen Muth.

Ich seh die Wolken glühen beim Sonnenuntergang Und von der Linde drüben schallt fröhlicher Gesang.

Am andern End′ des Dorfes, da sitzt ein alter Mann, Der schaut auch nur von ferne das muntre Treiben an.

Er war der flinkste Tänzer wohl aus der Burschen Schaar, Wie ich das flinkste Mädchen im ganzen Dorfe war.

Wir tanzten stets zusammen, es sah gar stattlich aus, Und bei der Kirchweih brachte er mir den schönsten Strauß.

Nun haben wir in Jahren uns schon nicht mehr gesehn, Denn keiner von uns Beiden kann zu dem Andern gehn.

Zu weit für unsre Kräfte ist jetzt der kurze Steg, Doch kommen wir zusammen wohl bald auf halbem Weg.

Denn in des Dorfes Mitte, da liegt der Kirchhof still, Da werden wir uns treffen, so bald der Himmel will.

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Illustration zu Kleine Dorfgeschichte

Interpretation

Das Gedicht "Kleine Dorfgeschichte" von Auguste Kurs erzählt von der Einsamkeit und Sehnsucht zweier alter Menschen, die einst ein Paar waren. Die Ich-Erzählerin sitzt vor ihrer Tür, genießt die Sonne und beobachtet das Leben im Dorf. Sie erinnert sich an ihre gemeinsame Jugend mit dem alten Mann am anderen Ende des Dorfes, der ebenfalls nur von ferne das muntere Treiben betrachtet. Beide waren einst die flinksten Tänzer und Tänzerinnen im Dorf, doch nun sind sie durch die Jahre und die Entfernung voneinander getrennt. Das Gedicht beschreibt den Kontrast zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. In ihrer Jugend tanzten die beiden zusammen und sahen "gar stattlich" aus. Bei der Kirchweih brachte der Mann der Frau den schönsten Strauß. Doch nun haben sie sich in Jahren nicht mehr gesehen, da keiner von ihnen zu dem anderen gehen kann. Die Entfernung, die einst so leicht zu überwinden war, ist nun zu weit für ihre Kräfte. Das Gedicht endet mit einem Hoffnungsschimmer. Die Erzählerin glaubt, dass sie und der alte Mann sich bald auf halbem Weg treffen werden. Dieser halbe Weg führt über den Kirchhof in der Mitte des Dorfes. Dort werden sie sich wiedersehen, sobald der Himmel es will. Der Kirchhof symbolisiert dabei den Tod, der die beiden Liebenden endlich wieder vereinen wird.

Schlüsselwörter

gar andern dorfes flinkste zusammen bald sitze thüre

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Ich seh die Wolken glühen beim Sonnenuntergang
Ironie
Zu weit für unsre Kräfte ist jetzt der kurze Steg
Kontrast
Er war der flinkste Tänzer wohl aus der Burschen Schaar, Wie ich das flinkste Mädchen im ganzen Dorfe war
Metapher
Ich bin gar ein altes Wesen
Personifikation
Die Sonne thut mir gut
Rückblick
Wir tanzten stets zusammen, es sah gar stattlich aus, Und bei der Kirchweih brachte er mir den schönsten Strauß
Symbolik
Denn in des Dorfes Mitte, da liegt der Kirchhof still