Klagelied eines deutschen Dichters
1812Wohl euch, so lang ihr etwas werdet, Und eure junge Kraft erprobt: Man rühmt euch, wie ihr euch gebärdet, Man findet′s löblich, wenn ihr tobt.
Doch weh, wenn etwas ihr geworden, Wenn ausgegoren eure Kraft; Wenn in der echten Sänger Orden Mit Ruh′ und Tiefe nun ihr schafft.
O wie alsdann man euer Dichten Mit einem andern Stabe misst, Dann will euch jeder Knabe richten, Der immer wird und niemals ist.
Dann seid ihr, wie der Sklav′ in Ketten: Er tue recht - wen kümmert das? Doch nichts kann vor dem Grimm ihn retten, Wenn er nur Einmal sich vergaß.
So - schafft ihr Großes, schafft ihr Echtes? Das ist ja nur verdammte Pflicht! Doch machet Einmal nur nicht Rechtes: Das duldet, das verzeiht man nicht.
Drum seufzt, wer Stümper ist gewesen, Und nicht mehr ist: o wär′ ich′s noch! Dann würde mich mein Deutschland lesen, Und die Kritik, sie riefe: Hoch!
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Interpretation
Das Gedicht "Klagelied eines deutschen Dichters" von Gustav Benjamin Schwab handelt von der schwierigen Situation eines etablierten Dichters, der unter den hohen Erwartungen und der strengen Kritik seiner Zeitgenossen leidet. Es beschreibt den Kontrast zwischen der Zeit, in der ein Künstler jung und unerfahren ist, und der Zeit, in der er reif und erfolgreich ist. In der ersten Phase wird der Künstler für seine Bemühungen und sein Wachstum gelobt, auch wenn er Fehler macht. Doch sobald er zu einem anerkannten Künstler geworden ist, wird er mit einem anderen Maßstab gemessen. Jeder, der noch am Anfang seiner Karriere steht, fühlt sich berechtigt, den etablierten Künstler zu kritisieren und zu beurteilen. Das Gedicht vergleicht den etablierten Künstler mit einem Sklaven in Ketten, der für seine Fehler hart bestraft wird, während seine guten Taten kaum beachtet werden. Es verdeutlicht die Doppelmoral, die in der Kunstwelt herrscht: Große und echte Werke werden als selbstverständlich erwartet, während ein einziger Fehler hart bestraft wird und nicht verziehen wird. Der Dichter sehnt sich am Ende des Gedichts nach der Zeit zurück, in der er noch ein "Stümper" war, der noch nicht den hohen Erwartungen gerecht werden musste. Er wünscht sich, wieder die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, die er in seiner Anfangszeit hatte, als die Kritik noch positiv war und ihn ermutigte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Man rühmt euch, wie ihr euch gebärdet
- Hyperbel
- Dann würde mich mein Deutschland lesen, Und die Kritik, sie riefe: Hoch!
- Metapher
- Wohl euch, so lang ihr etwas werdet, Und eure junge Kraft erprobt
- Personifikation
- Wenn in der echten Sänger Orden Mit Ruh' und Tiefe nun ihr schafft
- Vergleich
- So - schafft ihr Großes, schafft ihr Echtes? Das ist ja nur verdammte Pflicht!