Klage der Tochter Jephtas

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

1643

Du schönes Thal, mit Lieblichkeit umgeben, In dessen Schooß viel tausend Blumen weben, Laß meine Klagen ein! Laß, was du siehst aus meinen Augen schießen, Durch Laub und Gras der schönen Gegend fließen Und ihren Schmelz damit gewaschen sein!

Du stolzer Berg, mit Bäumen wohl besetzet, So keine Hand der Männer hat verletzet, Und Jungfrau’n sind, wie ich, Verachte nicht, was meine Wehmuth bringet, Und so sie dich nicht auch zu klagen zwinget, So muß ich billig trauern über dich.

Es wird mein Fuß dich künftig nicht beschreiten, Der Wiederschall wird nicht mehr mit mir streiten, Mein Mund spricht: gute Nacht! Ihr Blätter, kommt und werdet mir zu Zungen, Und weil ich euch vor diesem viel gesungen, So singt nun ihr, was mir den Tod gebracht.

Du schöner Fluß, der du die Gegend zierest Und mehr Kristall, als Wasserfluthen führest, Nimm an mein Ach und Weh! Du reiner Fluß, nimm meine reinen Zähren - Ich weiß nichts itzo Reiner’s zu gewähren - Und schenke sie alsdann der wüsten See!

Was aber will ich Arme doch beginnen? Was plag’ ich doch durch Klagen meine Sinnen? Es ist um mich gethan. Die Jugend heißt mich ferner sein und leben, Und der, so mir das Leben hat gegeben, Macht, daß ich nicht mehr leben kann.

O schwerer Sieg! o unglückselig Streiten! Des Vaters Ruhm muß mir das Grab bereiten; Die Liebe bringt Gefahr. Mein Untergang vermehrt der Feinde Haufen; Es muß mein Blut zu ihrem Blute laufen; Der Tochter Tod vermehrt der Feinde Schaar.

Ganz Ammon wird des Vaters Sieg belachen Und einen Scherz aus Jephta’s Tochter machen; Hier ist kein Unterscheid. Ganz Ammon trotzt und muß durch’s Schwert verderben; Die Tochter liebt und muß, wie Ammon, sterben; Aus Ammon’s Blut blüht Angst und Herzeleid.

Der Vater schlug der Feinde Trotz danieder;

Jetzt rächt der Feind sich an dem Vater wieder, Jetzt fleußt sein eigen Blut, Sein eigen Blut, aus seinen Adern kommen, Sein eigen Blut, davon ich bin genommen, Sein eigen Blut, sein Schatz, sein größtes Gut.

Es muß mein Blut ein reiner Zeuge werden, Daß Lust und Leid verbunden stehn auf Erden Und stets verschwistert sein, Daß Thränen stets bei unserm Lachen schweben, Daß Rosen stets mit Dornen sind umgeben, Daß Freud’ und Lust begleitet Angst und Pein.

Es muß so sein! Der Himmel hat’s beschlossen, Daß hier mein Blut soll werden ausgegossen, Wiewohl ohn’ alle Schuld; Ist Lieb’ und Lust Beleidigung zu nennen, So muß ich nur die Uebelthat bekennen; Doch zähm’ ich mich durch Sanftmuth und Geduld.-

Und nun, ihr zarten Schwestern, deren Sinnen Durch Lieb’ und Treu’ mich weislich binden können, Hier ist der letzte Kuß, Das letzte Wort, die letzte Zeit, zu scheiden! Ich muß euch jetzt, ihr müßt mich wieder meiden! Es trennet sich Mund, Auge, Herz und Fuß.

Es ist genug euch und auch mich betrübet; Die ihr mich stets, die ich euch stets geliebet, Es ist genug geklagt! Vergeh’ ich gleich, so muß mein Name bleiben Und durch den Lauf der Zeiten stets bekleiben. Die Tugend lebt; drum sterb’ ich unverzagt.

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Illustration zu Klage der Tochter Jephtas

Interpretation

Das Gedicht "Klage der Tochter Jephtas" von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau handelt von der Trauer und dem Schmerz der Tochter Jephtas, die von ihrem Vater geopfert werden soll. Die Tochter richtet ihre Klagen an die Natur und bittet um Verständnis für ihre Lage. Sie beklagt sich über den Sieg ihres Vaters, der zu ihrem eigenen Untergang führt. Sie erkennt, dass ihr Blut als Zeuge für die Verbindung von Lust und Leid auf Erden dienen wird. Trotz ihrer Unschuld akzeptiert sie ihr Schicksal und bittet ihre Schwestern um Abschied. Sie betont, dass ihr Name und ihre Tugend bleiben werden, auch wenn sie sterben muss. Die Tochter Jephtas fühlt sich von ihrem Vater im Stich gelassen und verraten. Sie versteht nicht, warum ihr Leben für den Sieg ihres Vaters geopfert werden muss. Sie sieht sich als Opfer der Umstände und der Liebe, die Gefahr bringt. Sie erkennt, dass ihr Untergang die Feinde vermehren wird und ihr Blut mit dem der Feinde fließen muss. Sie akzeptiert ihr Schicksal und bittet um Vergebung für ihre Liebe und Lust, die als Beleidigung angesehen werden. Die Tochter Jephtas verabschiedet sich von ihren Schwestern und bittet um Verständnis für ihre Lage. Sie betont, dass ihr Name und ihre Tugend bleiben werden, auch wenn sie sterben muss. Sie akzeptiert ihr Schicksal und bittet um Vergebung für ihre Liebe und Lust, die als Beleidigung angesehen werden. Sie verabschiedet sich von ihren Schwestern und bittet um Verständnis für ihre Lage.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Klage der Tochter Jephtas

Stilmittel

Alliteration
Hier ist der letzte Kuß
Anapher
Du schöner Fluß, der du die Gegend zierest
Apostrophe
Du schöner Fluß, der du die Gegend zierest
Hyperbel
Es wird mein Fuß dich künftig nicht beschreiten
Kontrast
Ich muß euch jetzt, ihr müßt mich wieder meiden
Metapher
Es trennet sich Mund, Auge, Herz und Fuß
Paradox
Die Tugend lebt; drum sterb' ich unverzagt
Parallelismus
Daß Rosen stets mit Dornen sind umgeben
Personifikation
Du stolzer Berg, mit Bäumen wohl besetzet, So keine Hand der Männer hat verletzet
Rhetorische Frage
Was aber will ich Arme doch beginnen?