Klage der Ceres
1797Ist der holde Lenz erschienen? Hat die Erde sich verjüngt? Die besonnten Hügel grünen, Und des Eises Rinde springt. Aus der Ströme blauem Spiegel Lacht der unbewölkte Zeus, Milder wehen Zephirs Flügel, Augen treibt das junge Reis. In dem Hain erwachen Lieder, Und die Oreade spricht: Deine Blumen kehren wieder, Deine Tochter kehret nicht.
Ach! wie lang ists, daß ich walle Suchend durch der Erde Flur, Titan, deine Strahlen alle Sandt ich nach der teuren Spur; Keiner hat mir noch verkündet Von dem lieben Angesicht, Und der Tag, der alles findet, Die Verlorne fand er nicht. Hast du, Zeus! sie mir entrissen, Hat, von ihrem Reiz gerührt, Zu des Orkus schwarzen Flüssen Pluto sie hinabgeführt?
Wer wird nach dem düstern Strande Meines Grames Bote sein? Ewig stößt der Kahn vom Lande, Doch nur Schatten nimmt er ein. Jedem selgen Aug verschlossen Bleibt das nächtliche Gefild, Und solang der Styx geflossen, Trug er kein lebendig Bild. Nieder führen tausend Steige, Keiner führt zum Tag zurück, Ihre Tränen bringt kein Zeuge Vor der bangen Mutter Blick.
Mütter, die aus Pyrrhas Stamme Sterbliche geboren sind, Dürfen durch des Grabes Flamme Folgen dem geliebten Kind, Nur was Jovis Haus bewohnet, Nahet nicht dem dunkeln Strand, Nur die Seligen verschonet, Parzen, eure strenge Hand. Stürzt mich in die Nacht der Nächte Aus des Himmels goldnem Saal, Ehret nicht der Göttin Rechte, Ach! sie sind der Mutter Qual!
Wo sie mit dem finstern Gatten Freudlos thronet, stieg′ ich hin, Träte mit den leisen Schatten Leise vor die Herrscherin. Ach, ihr Auge, feucht von Zähren, Sucht umsonst das goldne Licht, Irret nach entfernten Sphären, Auf die Mutter fällt es nicht, Bis die Freude sie entdecket, Bis sich Brust mit Brust vereint, Und zum Mitgefühl erwecket, Selbst der rauhe Orkus weint.
Eitler Wunsch! Verlorne Klagen! Ruhig in dem gleichen Gleis Rollt des Tages sichrer Wagen, Ewig steht der Schluß des Zeus. Weg von jenen Finsternissen Wandt er sein beglücktes Haupt, Einmal in die Nacht gerissen, Bleibt sie ewig mir geraubt, Bis des dunkeln Stromes Welle Von Aurorens Farben glüht, Iris mitten durch die Hölle Ihren schönen Bogen zieht.
Ist mir nichts von ihr geblieben, Nicht ein süß erinnernd Pfand, Daß die Fernen sich noch lieben, Keine Spur der teuren Hand? Knüpfet sich kein Liebesknoten Zwischen Kind und Mutter an? Zwischen Lebenden und Toten Ist kein Bündnis aufgetan? Nein, nicht ganz ist sie entflohen, Nein, wir sind nicht ganz getrennt! Haben uns die ewig Hohen Eine Sprache doch vergönnt!
Wenn des Frühlings Kinder sterben, Wenn von Nordes kaltem Hauch Blatt und Blume sich entfärben, Traurig steht der nackte Strauch, Nehm ich mir das höchste Leben Aus Vertumnus′ reichem Horn, Opfernd es dem Styx zu geben, Mir des Samens goldnes Korn. Traurend senk ichs in die Erde, Leg es an des Kindes Herz, Daß es eine Sprache werde Meiner Liebe, meinem Schmerz.
Führt der gleiche Tanz der Horen Freudig nun den Lenz zurück, Wird das Tote neu geboren Von der Sonne Lebensblick! Keime, die dem Auge starben In der Erde kaltem Schoß, In das heitre Reich der Farben Ringen sie sich freudig los. Wenn der Stamm zum Himmel eilet, Sucht die Wurzel scheu die Nacht, Gleich in ihre Pflege teilet Sich des Styx, des Äthers Macht.
Halb berühren sie der Toten, Halb der Lebenden Gebiet, Ach, sie sind mir teure Boten, Süße Stimmen vom Cocyt! Hält er gleich sie selbst verschlossen In dem schauervollen Schlund, Aus des Frühlings jungen Sprossen Redet mir der holde Mund, Daß auch fern vom goldnen Tage, Wo die Schatten traurig ziehn, Liebend noch der Busen schlage, Zärtlich noch die Herzen glühn.
O so laßt euch froh begrüßen, Kinder der verjüngten Au, Euer Kelch soll überfließen Von des Nektars reinstem Tau. Tauchen will ich euch in Strahlen, Mit der Iris schönstem Licht Will ich eure Blätter malen, Gleich Aurorens Angesicht. In des Lenzes heiterm Glanze Lese jede zarte Brust, In des Herbstes welkem Kranze Meinen Schmerz und meine Lust.
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Interpretation
Das Gedicht "Klage der Ceres" von Friedrich von Schiller handelt von der Göttin Ceres, die ihre Tochter Proserpina vermisst. Ceres durchstreift die Erde auf der Suche nach ihrer Tochter, die von Pluto in die Unterwelt entführt wurde. Sie ist verzweifelt und traurig, da sie ihre Tochter nicht finden kann und die Hoffnung auf ein Wiedersehen schwindet. Ceres fühlt sich von den anderen Göttern im Stich gelassen und verbittert sich über das Schicksal, das ihr widerfahren ist. Sie sehnt sich danach, ihre Tochter wiederzusehen und mit ihr vereint zu sein. Die Natur um sie herum spiegelt ihre Trauer wider, doch sie findet keinen Trost in der Schönheit des Frühlings. Am Ende des Gedichts findet Ceres jedoch einen Weg, ihre Liebe und ihren Schmerz auszudrücken. Sie opfert das höchste Leben, um es der Erde zu geben und ihre Tochter zu ehren. Durch die Natur und die Pflanzen, die aus der Erde sprießen, findet sie eine Verbindung zu ihrer Tochter und kann ihre Gefühle ausdrücken. Das Gedicht endet mit einem Hoffnungsschimmer, dass die Liebe und die Verbindung zwischen Mutter und Tochter trotz der Trennung bestehen bleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Die ganze Klage kann als Allegorie auf den Mythos von Ceres und Persephone gelesen werden.
- Alliteration
- Wiederholung von Anfangslauten, z.B. 'besonnten Hügel grünen' und 'Traurend senk ichs in die Erde'.
- Anapher
- Wiederholung von Wörtern am Satzanfang, z.B. 'Keiner hat mir noch verkündet' und 'Keiner führt zum Tag zurück'.
- Apostrophe
- Anrede an Naturgewalten und Gottheiten, z.B. 'Titan, deine Strahlen alle' und 'Zeus! sie mir entrissen'.
- Bildsprache
- Lebhafte Beschreibungen, die Bilder im Geist des Lesers erzeugen, z.B. 'In des Lenzes heiterm Glanze' und 'Mit der Iris schönstem Licht'.
- Enjambement
- Gedanken- oder Satzüberführung über Zeilengrenzen hinweg, z.B. 'Ist der holde Lenz erschienen? / Hat die Erde sich verjüngt?'.
- Epipher
- Wiederholung von Wörtern am Satzende, z.B. 'Meiner Liebe, meinem Schmerz'.
- Hyperbel
- Übertreibung in der Klage, z.B. 'Titan, deine Strahlen alle Sandt ich nach der teuren Spur'.
- Interjektion
- Ausrufe und emotionale Ausdrücke, z.B. 'Ach!' und 'O so laßt euch froh begrüßen'.
- Kontrast
- Gegensatz zwischen Leben und Tod, z.B. 'Deine Blumen kehren wieder, Deine Tochter kehret nicht'.
- Metapher
- Die Erde wird als lebendiges Wesen personifiziert, das sich 'verjüngt'.
- Oxymoron
- Gegensätzliche Begriffe, z.B. 'froh begrüßen' im Kontext der Trauer.
- Personifikation
- Die Natur wird personifiziert, z.B. 'Die besonnten Hügel grünen' und 'des Eises Rinde springt'.
- Rhetorische Frage
- Fragen, die keine Antwort erwarten, z.B. 'Wo wird nach dem düstern Strande / Meines Grames Bote sein?'.
- Symbolik
- Die Jahreszeiten symbolisieren Leben und Tod, z.B. 'Ist der holde Lenz erschienen?' und 'Wenn des Frühlings Kinder sterben'.
- Synästhesie
- Mischung der Sinneswahrnehmungen, z.B. 'Lacht der unbewölkte Zeus'.
- Tautologie
- Wiederholung der gleichen Idee in anderem Wortlaut, z.B. 'Ewig stößt der Kahn vom Lande, / Doch nur Schatten nimmt er ein'.
- Topik
- Allgemeine Orte oder Themen, z.B. die Klage um den Verlust eines Kindes.
- Vergleich
- Vergleiche, z.B. 'Gleich Aurorens Angesicht'.