Kirschblüte bei der Nacht
unknownIch sahe mit betrachtendem Gemüte jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte, In kühler Nacht beim Mondenschein; Ich glaubt′, es könne nichts von größerer Weiße sein. Es schien, ob wär ein Schnee gefallen. Ein jeder, auch der kleinste Ast Trug gleichsam eine rechte Last Von zierlich-weißen runden Ballen. Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt, Indem daselbst des Mondes sanftes Licht Selbst durch die zarten Blätter bricht, Sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat. Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden Was Weißers ausgefunden werden. Indem ich nun bald hin, bald her Im Schatten dieses Baumes gehe, Sah ich von ungefähr Durch alle Blumen in die Höhe Und ward noch einen weißern Schein, Der tausenmal so weiß, der tausendmal so klar, Fast halb darob erstaunt, gewahr. Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein Bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht Von einem hellen Stern ein weißes Licht, Das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergetze, Dacht ich, hat Er dennoch weit größre Schätze. Die größte Schönheit dieser Erden Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.
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Interpretation
Das Gedicht "Kirschblüte bei der Nacht" von Barthold Heinrich Brockes schildert eine nächtliche Betrachtung eines blühenden Kirschbaumes im Mondenschein. Der lyrische Ich-Erzähler ist von der Weiße der Blüten tief beeindruckt und vergleicht sie mit Schnee, wobei er die zarte Schönheit und den fast surrealen Glanz der Blüten betont. Die Beschreibung intensiviert sich, als der Erzähler durch die Blüten hindurch einen noch helleren, fast überirdischen Schein wahrnimmt, der von einem Stern kommt. Dieser himmlische Glanz lässt die Blüten selbst dunkel erscheinen und verblassen, was die Überlegenheit des himmlischen Lichtes über die irdische Schönheit unterstreicht. Die Wirkung ist fast spirituell, da das Licht "ins Gesicht" fällt und "in die Seele strahlt". Im abschließenden Teil reflektiert der Erzähler über die vergängliche und begrenzte Natur irdischer Schönheit im Vergleich zur unendlichen Pracht des Göttlichen. Die Kirschblüte dient als Metapher für die vergängliche Natur weltlicher Freuden und Schönheiten, die im Vergleich zur ewigen und überwältigenden Schönheit Gottes verblassen. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Ehrfurcht vor der Natur und eine noch tiefere Verehrung für das Göttliche, wobei die Natur als Wegweiser zum Transzendenten dient.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- zarter Blätter bricht
- Hyperbel
- Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein Bei diesem weißen Glanz.
- Kontrast
- Der größten Schönheit dieser Erden Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.
- Metapher
- Ich glaubt′, es könne nichts von größerer Weiße sein.
- Personifikation
- Der Mondenschein
- Vergleich
- Es schien, ob wär ein Schnee gefallen.