Kirchenlied
1788O Maria, meine Liebe! Denk ich recht im Herzen Dein: Schwindet alles Schwer und Trübe, Und, wie heller Morgenschein, Dringts durch Lust und irdschen Schmerz Leuchtend mir durchs ganze Herz.
Auf des ewgen Bundes Bogen, Ernst von Glorien umblüht, Stehst du über Land und Wogen; Und ein himmlisch Sehnen zieht Alles Leben himmelwärts An das große Mutterherz.
Wo Verlaßne einsam weinen, Sorgenvoll in stiller Nacht, Den′ vor allen läßt Du scheinen Deiner Liebe milde Pracht, Daß ein tröstend Himmelslicht In die dunklen Herzen bricht.
Aber wütet wildverkehrter Sünder frevelhafte Lust: Da durchschneiden neue Schwerter Dir die treue Mutterbrust; Und voll Schmerzen flehst Du doch: Herr! Vergib, o schone noch!
Deinen Jesus in den Armen, Übern Strom der Zeit gestellt, Als das himmlische Erbarmen Hütest Du getreu die Welt, Daß im Sturm, der trübe weht, Dir kein Kind verloren geht.
Wenn die Menschen mich verlassen In der letzten stillen Stund, Laß mich fest das Kreuz umfassen. Aus dem dunklen Erdengrund Leite liebreich mich hinaus, Mutter, in des Vaters Haus!
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Interpretation
Das Gedicht "Kirchenlied" von Joseph von Eichendorff ist ein tief empfundenes Marienlied, das die Verehrung der Gottesmutter in ihrer Rolle als Fürsprecherin und mütterlicher Schutzengel zum Ausdruck bringt. Der lyrische Ich-Erzähler richtet seine Bitten und Lobpreisungen direkt an Maria und betont dabei ihre tröstende und erlösende Wirkung auf die Gläubigen. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt der Erzähler, wie das Gedenken an Maria alle Sorgen und Dunkelheit vertreibt und stattdessen Licht und Freude ins Herz bringt. Maria wird als über den Bund Gottes gestellt dargestellt, umgeben von Glorie und zieht alles Leben himmelwärts zu ihrem mütterlichen Herzen. Sie ist eine Quelle des Trostes für die Einsamen und Leidenden, deren Herzen durch ihre Liebe erleuchtet werden. Der zweite Teil des Gedichts thematisiert die Leiden Marias, besonders wenn sie die Sünden der Menschen miterleben muss. Trotz des Schmerzes, den diese Sünden verursachen, fleht sie weiterhin um Vergebung für die Sünder. Der Erzähler stellt sich Maria als Beschützerin der Welt vor, die Jesus im Arm hält und darüber wacht, dass im Sturm des Lebens kein Kind verloren geht. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Erzähler in einer persönlichen Bitte an Maria. Er bittet sie um Beistand in der Stunde des Todes, wenn die Menschen ihn verlassen haben. Er wünscht sich, fest das Kreuz zu umfassen und von Maria liebevoll aus der Dunkelheit der Erde in das Haus des Vaters geführt zu werden. Dies unterstreicht die Rolle Marias als Wegweiserin zum ewigen Leben und als mütterliche Figur, die in den letzten Momenten des Lebens Trost und Führung bietet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Da durchschneiden neue Schwerter / Dir die treue Mutterbrust
- Apostrophe
- O Maria, meine Liebe!
- Bildsprache
- Auf des ewgen Bundes Bogen, / Ernst von Glorien umblüht, / Stehst du über Land und Wogen;
- Hyperbel
- Und ein himmlisch Sehnen zieht / Alles Leben himmelwärts / An das große Mutterherz.
- Kontrast
- Wenn die Menschen mich verlassen / In der letzten stillen Stund, / Laß mich fest das Kreuz umfassen.
- Metapher
- Daß im Sturm, der trübe weht, / Dir kein Kind verloren geht.
- Personifikation
- Wo Verlaßne einsam weinen, / Sorgenvoll in stiller Nacht, / Den′ vor allen läßt Du scheinen / Deiner Liebe milde Pracht
- Symbolik
- Deinen Jesus in den Armen, / Übern Strom der Zeit gestellt