Kino

Kurt Tucholsky

1919

Wird Gustav, der Kommis, entlassen? Seit einer halben Stunde weiß ichs nicht … Die greise Mutter löffelt, was sie kriegt, aus dicken Untertassen.

Nun kommt der Chef! Mit schultern Bartkoteletten und einem Mimenmund und uhrgeschmücktem Bauch … Dumpf buchstabiert das Publikum: »Nee – ü-ber – Ihnen – a-ber – auch …« Da gibt es nichts zu retten.

Hier stehen Mutter, Tochter, Hund und Chef und seine Leiche! Nun aber steigt auf einer Geige jählings himmelan ein Lauf, der seinerseits im Baß begann … Die nächste Nummer: »Jacob auf der Eiche.«

Humor! Man lacht! Wes Auge blieb da trocken?! Die Hose – denken Sie – zer – hi – zerriß! Vergessen ist die Tränenkümmemis und jene Totenglocken …

Doch jetzt erblick ich einen Fürsten oben, der weiht mit seinem Helmbusch etwas ein - ja, sollt dies wirklich Herzog Albrecht sein? Und kurz und gut: Hier fühl ich mich erhoben!

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Illustration zu Kino

Interpretation

Das Gedicht "Kino" von Kurt Tucholsky ist eine scharfe und satirische Kritik an der damaligen Filmindustrie und der Trivialisierung von ernsten Themen. Es beschreibt eine Szene im Kino, in der ein Melodrama über den Arbeitsplatzverlust eines Mannes namens Gustav gezeigt wird. Die Darstellung ist übertrieben und kitschig, was Tucholsky als Kritik an der Oberflächlichkeit und der emotionalen Manipulation in Filmen versteht. Tucholsky verwendet in seinem Gedicht verschiedene Stilmittel, um die Kritik zu verstärken. Er verwendet Alliterationen und Onomatopoesie, um die Monotonie und den Klang der Filmhandlung nachzuahmen. Die Wiederholung von "Nee – ü-ber – Ihnen – a-ber – auch" verdeutlicht die Langsamkeit und Langeweile des Films. Die plötzliche Wendung zur Komödie mit "Jacob auf der Eiche" unterstreicht die Belanglosigkeit und den Mangel an Tiefe in den Filmen. Das Gedicht endet mit einer ironischen Wendung, als der Sprecher einen Fürsten auf der Leinwand erblickt. Dies symbolisiert die Flucht aus der Tristesse des Alltags und die Erhebung in eine höhere Sphäre durch den Konsum von Unterhaltungsmedien. Tucholsky kritisiert hier die Tendenz der Menschen, sich in oberflächliche Unterhaltung zu flüchten, anstatt sich mit den realen Problemen der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Schlüsselwörter

mutter chef ber gustav kommis entlassen seit halben

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Wortwolke zu Kino

Stilmittel

Alliteration
Humor! Man lacht! Wes Auge blieb da trocken?!
Anapher
Doch jetzt erblick ich einen Fürsten oben, der weiht mit seinem Helmbusch etwas ein
Bildsprache
Hier fühl ich mich erhoben!
Enjambement
Wird Gustav, der Kommis, entlassen? Seit einer halben Stunde weiß ichs nicht ...
Hyperbel
Wes Auge blieb da trocken?!
Kontrast
Vergessen ist die Tränenkümmemis und jene Totenglocken
Metapher
Hier stehen Mutter, Tochter, Hund und Chef und seine Leiche!
Onomatopoesie
zer – hi – zerriß
Personifikation
Dumpf buchstabiert das Publikum: »Nee – ü-ber – Ihnen – a-ber – auch ...«
Rhetorische Frage
ja, sollt dies wirklich Herzog Albrecht sein?