Kindheit
1899Ein glasgeschnittner Würfel füllte das Zimmer Sobald es wieder Abend war, den trug Er oft und stand umtaut von Schimmer. Draußen ging dunkler Vögel schwerer Flug Flatternd vorbei und war wie kühles Wehn Um seine Stirne. Manchmal, wunderbar, Blieben die fremden Lieder um ihn stehn Und eine Blume sang in seinem Haar. Oft schlich er scheu, gebückt in dumpfer Last, Und sah sich wie ein Feuer, das entlohte. Augen waren ihm Qual und tief verhaßt, Der Wald rief ihn, und war doch fremd, und drohte: Geweih des Hirsches, der weiß im Dunkel stand, Wollte ihn tragen. Doch der Ast erhob In bösem Schlage die verkrümmte Hand.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Kindheit" von Maria Luise Weissmann schildert eine kindliche Erfahrungswelt, die von geheimnisvollen und oft bedrohlichen Eindrücken geprägt ist. Der "gläsern geschnittene Würfel", der den Raum erfüllt, steht symbolisch für eine begrenzte, kristalline Wirklichkeit, in der sich das Kind bewegt. Die Abende, die den Würfel hervorbringen, deuten auf eine Zeit der Introspektion und des Unheimlichen hin. Der "schwere Flug" der Vögel und das "kühle Wehn" um die Stirn des Kindes vermitteln eine Atmosphäre des Unergründlichen und des Unheimlichen, das die kindliche Psyche umgibt. Die "fremden Lieder" und die "Blume, die in seinem Haar sang", sind Metaphern für die unerklärlichen und oft bezaubernden Momente der Kindheit, die zugleich von einer tiefen Fremdheit und Unverständlichkeit durchdrungen sind. Das Kind, das "scheu und gebückt" in "dumpfer Last" schleicht, fühlt sich wie ein "Feuer, das entlohte", was auf eine innere Zerrissenheit und eine unausgesprochene Angst hindeutet. Die Augen, die ihm "Qual und tief verhaßt" sind, symbolisieren die Furcht vor dem Blick der Welt und der eigenen Selbstwahrnehmung. Der Wald, der das Kind ruft, aber gleichzeitig fremd und drohend wirkt, steht für die unbekannten und oft beängstigenden Aspekte des Lebens. Das "Geweih des Hirsches" und der "verkrümmte Ast" sind Symbole für die ambivalente Natur der kindlichen Erfahrungen: Einerseits bietet die Natur Schutz und Geborgenheit, andererseits droht sie mit ihren "bösen Schlägen". Das Gedicht vermittelt somit ein Bild der Kindheit als einer Zeit voller Wunder und Schrecken, in der das Kind zwischen Faszination und Angst, zwischen Geborgenheit und Bedrohung oszilliert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Geweih des Hirsches, der weiß im Dunkel stand
- Personifikation
- der Ast erhob In bösem Schlage die verkrümmte Hand
- Vergleich
- sah sich wie ein Feuer, das entlohte