Kindesthränen
1888Willst du die Leiden dieser Erde, Der Menschheit Jammer ganz versteh’n, Mußt du mit scheuer Gramgeberde, Ein Kind im Stillen weinen seh’n;
Ein Kind, das eben fortgewichen Aus fröhlicher Gespielen Kreis Und nun, vom ersten Schmerz beschlichen, In Thränen ausbricht, stumm und heiß.
Du weißt nicht, was das kleine Wesen So rauh und plötzlich angefaßt - Doch ist’s in seinem Blick zu lesen, Wie es schon fühlt des Daseins Last.
Wie es sich bang und immer bänger Zurück schon in sein Inn’res zieht, Weil es Bedränger auf Bedränger Mit leisem Schaudern kommen sieht.
Willst du die Leiden dieser Erde, Der Menschheit Jammer ganz versteh’n: Mußt du mit scheuer Gramgeberde Ein Kind im Stillen weinen seh’n.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Kindesthränen" von Ferdinand Ludwig Adam von Saar thematisiert die tiefgründige Natur des menschlichen Leidens und die Art und Weise, wie Kinder, als die Unschuldigsten unter uns, bereits die Last des Daseins zu spüren beginnen. Der Sprecher fordert den Leser auf, die Leiden der Welt und das Leid der Menschheit zu verstehen, indem er ein Kind in stillen Tränen beobachtet. Diese Beobachtung soll ein Schlüssel zum Verständnis der tieferen, oft unausgesprochenen Schmerzen sein, die das menschliche Dasein prägen. Das Gedicht beschreibt ein Kind, das gerade aus einer fröhlichen Runde von Spielgefährten ausgeschlossen wurde und nun allein in Tränen ausbricht. Diese Tränen sind nicht nur Ausdruck eines momentanen Kummers, sondern symbolisieren die ersten Berührungen mit der Härte des Lebens. Der Sprecher betont, dass man zwar nicht weiß, was genau das Kind so hart getroffen hat, aber in seinem Blick kann man die Last des Daseins erkennen. Das Kind beginnt, sich immer mehr in sich selbst zurückzuziehen, da es die Bedränger des Lebens mit einem leisen Schaudern wahrnimmt. Abschließend wiederholt das Gedicht die anfängliche Aufforderung: Um die Leiden der Erde und das Leid der Menschheit wirklich zu verstehen, muss man ein Kind in stillen Tränen sehen. Dieses Bild dient als Metapher für die universelle Erfahrung des Leidens, die alle Menschen teilen, und die bereits in den frühesten Momenten des Lebens beginnt. Das Gedicht vermittelt somit eine tiefe Empathie für das menschliche Dasein und die Unvermeidlichkeit des Leidens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gramgeberde / ganz / Gespielen
- Anapher
- Willst du die Leiden dieser Erde / Der Menschheit Jammer ganz versteh'n
- Epitheton Ornans
- scheuer Gramgeberde / leisem Schaudern
- Gemination / Repetitio
- Bedränger auf Bedränger
- Hyperbel
- Der Menschheit Jammer ganz versteh'n
- Inversion
- Ein Kind im Stillen weinen seh'n
- Klimax
- bang und immer bänger
- Metapher
- des Daseins Last / fröhlicher Gespielen Kreis
- Oxymoron
- stumm und heiß (in Bezug auf Tränen/Ausbruch)
- Personifikation
- vom ersten Schmerz beschlichen / was das kleine Wesen so rauh und plötzlich angefaßt
- Refrain / Rahmenstruktur
- Strophe 1 und Strophe 5 sind identisch