Kerker-Phantasie
1846Es liegt vor mir das Wort des Herrn, Die Bibel, aufgeschlagen; Daraus gemahnt mich, bleich und fern, Der Geist von alten Tagen. Du hast Erlösung prophezeit! Erlösung bringst du nicht - Und die verheiß′ne Seligkeit Ist nur ein Traumgesicht!
Mich starrt es an, das Wort des Herrn, Das nie mir Trost gewährte. Mir strahlte nie der gold′ne Stern, Der Bethlehem verklärte. Mich mahnt′s unheimlich, graunerfüllt, Und bringt den Tod mir nah′, Das schmerzentstellte Götterbild, Das Kreuz auf Golgatha!
Der Kreuzestod, die Grabesnacht, Die finstern Bilder alle; Die Angst, die bang und betend wacht, Vor neuem Sündenfalle; Die Buße, die sich selbst kasteit, Des Himmels Strafgericht! O, meines Kerkers Einsamkeit Begrüßt kein rettend Licht!
Das Kreuz - ich fühle seine Last, Wie ein dämonisch Walten - Von seiner Macht bin ich erfaßt, Unrettbar festgehalten. Es bindet mich für Ewigkeit Der Weihe heil′ger Spruch, Und namenlosem Schmerz geweiht Hat mich dies Himmelsbuch!
das Wort besteht, Wie es von je bestanden! Weil ich dies Herrenthum geschmäht, Seufz′ ich in schweren Banden. Doch meine Seele bleibe frei Trotz Fesseln und Gefängniß, Und trage in der Sklaverei Bewußt ein groß′ Verhängniß!
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Interpretation
Das Gedicht "Kerker-Phantasie" von Louise Franziska Aston beschreibt die innere Zerrissenheit eines Menschen, der sich von der christlichen Lehre und den biblischen Texten bedroht und gefangen fühlt. Die Eröffnungsstrophe setzt eine Szene der Isolation, in der der Sprecher vor der Bibel sitzt und von einem "Geist von alten Tagen" heimgesucht wird. Dieser Geist mahnt ihn zur Erlösung, die er als unerreichbar empfindet, und die versprochene Seligkeit erscheint ihm nur als "Traumgesicht". Der Sprecher fühlt sich von der Bibel angestarrt, ohne Trost zu finden, und die Bilder des Kreuzes und Golgathas erfüllen ihn mit Unbehagen und Todesangst. Die zweite Strophe vertieft das Gefühl der Bedrohung durch die christlichen Symbole. Der Sprecher fühlt sich von der "Last des Kreuzes" erdrückt, als ob eine dämonische Macht ihn ergriffen hätte. Er fühlt sich "unrettbar festgehalten" von der heiligen Weihe des Wortes und der Bibel, die ihm "namenlosen Schmerz" gebracht hat. Die Einsamkeit seines Kerkers wird durch das Fehlen eines rettenden Lichts noch verstärkt. In der letzten Strophe akzeptiert der Sprecher die Unveränderlichkeit des Wortes und die Konsequenzen seiner Ablehnung der christlichen Lehre. Er seufzt in "schweren Banden", aber seine Seele bleibt frei, auch wenn er in Fesseln und Gefängnis ist. Er trägt bewusst ein "großes Verhängnis" in seiner Sklaverei, was auf eine Art innere Freiheit oder Rebellion hindeutet, trotz der äußeren Umstände.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mich mahnt's unheimlich, graunerfüllt
- Bildsprache
- Der gold'ne Stern, Der Bethlehem verklärte
- Hyperbel
- Es bindet mich für Ewigkeit
- Kontrast
- Trotz Fesseln und Gefängniß
- Metapher
- Bewußt ein groß' Verhängniß
- Personifikation
- Die Angst, die bang und betend wacht
- Symbolik
- Das Kreuz auf Golgatha
- Wiederholung
- das Wort besteht