Kennzeichen wahrer Liebe
1839Nicht alles, was man Liebe heißt, ist Liebe, Wenn’s gleich Uraniens Gewänder trägt. Unschuldig sind des Herzens erste Triebe, Und selig der, der sie in uns erregt!
Ihr Feuer wärmet sanft, so wärmt die Sonne Im Frühlinge den jungen Blüthenbaum; Sie ist allein der Urborn ächter Wonne, Und was ihr vorging, was ihr folgt, ist Traum.
Nur sie berührt des Herzens feinste Saite, Die Einmal, Einmal nur harmonisch klingt, Und dann verstummet, wenn nicht eine zweyte Gleich lautende zur Antwort widerklingt.
Sie ist genügsam, duldend und bescheiden, Sie zehret stets von ihrem eignen Schatz; Ein Wort, ein Blick gewährt für alle Freuden Der Eitelkeit den reichlichsten Ersatz.
Durch stille Selbszufriedenheit geblücket, Ist sie verschwiegen, kaum dem Busenfreund Vertraut sie, was sie kränket und entzücket; Sie ist, indess die Afterliebe scheint.
Vor ihr entfliehn die niedrigen Begierden, Erhabene Gedanken zeugt sie nur, Und machet leicht der Menschheit schwerste Bürden. Ach! was wär’ ohne sie die Creatur!
Sie kennt nicht kleinen Eigennutz, sie währet Auch dann noch oft, wann jede Hoffnung flieht, Still wie ein Lämpchen, das sich selbst verzehret, Und ungesehn in öden Gräbern glüht.
Ihr, die ihr zürnt, wenn diese sanften Triebe In uns erwachen, eh’ ihr ihnen wehrt, Bedenket, dass der Frühling ächter Liebe Oft schnell verblüht, und selten wiederkehrt.
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Interpretation
Das Gedicht "Kennzeichen wahrer Liebe" von Gabriele von Baumberg beschäftigt sich mit der Natur und den Merkmalen wahrer Liebe. Die Dichterin unterscheidet zwischen oberflächlicher und echter Liebe und betont, dass wahre Liebe rein, unschuldig und selig machend ist. Sie vergleicht die Wärme wahrer Liebe mit der sanften Wärme der Frühlingssonne, die den jungen Blütenbaum nährt. Die wahre Liebe wird als etwas Einzigartiges und Harmonisches dargestellt, das das Herz berührt und nur dann erklingt, wenn eine gleichwertige Antwort gefunden wird. Sie ist genügsam, bescheiden und selbstgenügsam, findet Freude in kleinen Gesten und bleibt oft im Verborgenen. Im Gegensatz zur falschen Liebe, die auf Eitelkeit und niedrige Begierden basiert, erhebt wahre Liebe den Menschen und hilft ihm, schwere Bürden zu tragen. Die Dichterin betont auch die Beständigkeit wahrer Liebe, die oft auch dann weiterbesteht, wenn alle Hoffnung verloren scheint. Sie vergleicht sie mit einer Kerze, die sich selbst verzehrt und auch in einsamen Gräbern weiterleuchtet. Das Gedicht schließt mit einer Warnung an diejenigen, die die sanften Triebe der Liebe unterdrücken, da der Frühling wahrer Liebe oft schnell verblasst und selten zurückkehrt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Ach! was wär' ohne sie die Creatur!
- Personifikation
- Vor ihr entfliehn die niedrigen Begierden
- Vergleich
- Still wie ein Lämpchen, das sich selbst verzehret