Kennet euch selbst
1798Frankreich schuf sich frey. Des Jahrhunderts edelste That hub Da sich zu dem Olympus empor! Bist du so eng begränzt, dass du sie verkennest, umschwebet Diese Dämmerung dir noch den Blick, Diese Nacht: so durchwandre die Weltannalen, und finde Etwas darin, das ihr ferne nur gleicht, Wenn du kanst. O Schicksal! das sind sie also, das sind sie Unsere Brüder die Franken; und wir? Ach ich frag′ umsonst; ihr verstummet, Deutsche! Was zeiget Euer Schweigen? bejahrter Geduld Müden Kummer? oder verkündet es nahe Verwandlung? Wie die schwüle Stille den Sturm, Der vor sich her sie wirbelt, die Donnerwolken, bis Glut sie Werden, und werden Zerschmetterndes Eis! Nach dem Wetter, athmen sie kaum die Lüfte, die Bäche Rieseln, vom Laube träufelt es sanft, Frische labet, Gerüch′ umduften, die bläuliche Heitre Lächelt, das Himmelsgemählde mit ihr; Alles ist reg′, und ist Leben, und freut sich! die Nachtigall flötet Hochzeit! liebender singet die Braut! Knaben umtanzen den Mann, den kein Despot mehr verachtet! Mädchen das ruhige, säugende Weib.
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Interpretation
Das Gedicht "Kennet euch selbst" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist eine Reflexion über die Französische Revolution und deren Auswirkungen auf das deutsche Bewusstsein. Klopstock beginnt mit der Anerkennung der Französischen Revolution als "edelste Tat" des Jahrhunderts, die Frankreich zu Freiheit verholfen hat. Er fordert die Deutschen auf, sich selbst zu erkennen und die Bedeutung dieser historischen Wende zu verstehen. Die Metapher des Olymp deutet auf die erhabene Natur dieses Ereignisses hin, das die Deutschen möglicherweise aufgrund ihrer "Dämmerung" oder "Nacht" nicht vollständig erfassen können. Klopstock stellt die Franzosen als "unsere Brüder" dar und fragt sich, was die Deutschen in Anbetracht dieser revolutionären Veränderungen tun. Das Schweigen der Deutschen wird als Zeichen von "müder Geduld" oder als Vorboten einer bevorstehenden Veränderung interpretiert. Die Analogie des Sturms und der Donnerwolken deutet auf eine angespannte und unruhige Atmosphäre hin, die sich in eine transformative Kraft verwandeln könnte. Klopstock scheint die Deutschen dazu aufzufordern, aus ihrer Lethargie aufzuwachen und sich aktiv mit den politischen und sozialen Veränderungen auseinanderzusetzen. Das Gedicht endet mit einer Vision der Erneuerung und des Lebens nach dem Sturm. Die frische Luft, die plätschernden Bäche und das Lächeln des Himmels symbolisieren eine neue Ära des Friedens und der Freude. Die Hochzeitsfeier und die tanzenden Kinder stehen für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in der der Mensch nicht mehr von Despotismus unterdrückt wird. Klopstock nutzt diese Bilder, um die Möglichkeit einer positiven Veränderung zu betonen, die aus der Anerkennung und dem Verständnis der eigenen Identität und der Welt um uns herum entstehen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- bejahrter Geduld Müden Kummer
- Hyperbel
- Bist du so eng begränzt, dass du sie verkennest
- Metapher
- Mädchen das ruhige, säugende Weib
- Personifikation
- Liebender singet die Braut
- Rhetorische Frage
- O Schicksal! das sind sie also, das sind sie Unsere Brüder die Franken; und wir?
- Vergleich
- Wie die schwüle Stille den Sturm