Kassandra
1803Freude war in Trojas Hallen, Eh die hohe Feste fiel, Jubelhymnen hört man schallen In der Saiten goldnes Spiel. Alle Hände ruhen müde Von dem tränenvollen Streit, Weil der herrliche Pelide Priams schöne Tochter freit.
Und geschmückt mit Lorbeerreisern, Festlich wallet Schar auf Schar Nach der Götter heilgen Häusern, Zu des Thymbriers Altar. Dumpferbrausend durch die Gassen Wälzt sich die bacchantsche Lust, Und in ihrem Schmerz verlassen War nur eine traurge Brust.
Freudlos in der Freude Fülle, Ungesellig und allein, Wandelte Kassandra stille In Apollos Lorbeerhain. In des Waldes tiefste Gründe Flüchtete die Seherin, Und sie warf die Priesterbinde Zu der Erde zürnend hin:
“Alles ist der Freude offen Alle Herzen sind beglückt, Und die alten Eltern hoffen, Und die Schwester steht geschmückt. Ich allein muß einsam trauern, Denn mich flieht der süße Wahn, Und geflügelt diesen Mauern Seh ich das Verderben nahn.
Eine Fackel seh ich glühen, Aber nicht in Hymens Hand, Nach den Wolken seh ichs ziehen, Aber nicht wie Opferbrand. Feste seh ich froh bereiten, Doch im ahnungsvollen Geist Hör ich schon des Gottes Schreiten, Der sie jammervoll zerreißt.
Und sie schelten meine Klagen, Und sie höhnen meinen Schmerz, Einsam in die Wüste tragen Muß ich mein gequältes Herz, Von den Glücklichen gemieden Und den Fröhlichen ein Spott! Schweres hast du mir beschieden, Pythischer, du arger Gott!
Dein Orakel zu verkünden, Warum warfest du mich hin In die Stadt der ewig Blinden Mit dem aufgeschloßnen Sinn? Warum gabst du mir zu sehen, Was ich doch nicht wenden kann? Das Verhängte muß geschehen, Das Gefürchtete muß nahn.
Frommts, den Schleier aufzuheben, Wo das nahe Schrecknis droht? Nur der Irrtum ist das Leben, Und das Wissen ist der Tod. Nimm, o nimm die traurge Klarheit, Mir vom Aug den blutgen Schein, Schrecklich ist es, deiner Wahrheit Sterbliches Gefäß zu sein.
Meine Blindheit gib mir wieder Und den fröhlich dunkeln Sinn, Nimmer sang ich freudge Lieder, Seit ich deine Stimme bin. Zukunft hast du mir gegeben, Doch du nahmst den Augenblick, Nahmst der Stunde fröhlich Leben, Nimm dein falsch Geschenk zurück!
Nimmer mit dem Schmuck der Bräute Kränzt ich mir das duftge Haar, Seit ich deinem Dienst mich weihte An dem traurigen Altar. Meine Jugend war nur Weinen, Und ich kannte nur den Schmerz, Jede herbe Not der Meinen Schlug an mein empfindend Herz.
Fröhlich seh ich die Gespielen, Alles um mich lebt und liebt In der Jugend Lustgefühlen, Mir nur ist das Herz getrübt. Mir erscheint der Lenz vergebens, Der die Erde festlich schmückt, Wer erfreute sich des Lebens, Der in seine Tiefen blickt!
Selig preis ich Polyxenen In des Herzens trunkenem Wahn, Denn den besten der Hellenen Hofft sie bräutlich zu umfahn. Stolz ist ihre Brust gehoben, Ihre Wonne faßt sie kaum, Nicht euch Himmlische dort oben Neidet sie in ihrem Traum.
Und auch ich hab ihn gesehen, Den das Herz verlangend wählt, Seine schönen Blicke flehen, Von der Liebe Glut beseelt. Gerne möcht ich mit dem Gatten In die heimsche Wohnung ziehn, Doch es tritt ein stygscher Schatten Nächtlich zwischen mich und ihn.
Ihre bleichen Larven alle Sendet mir Proserpina, Wo ich wandre, wo ich walle, Stehen mir die Geister da. In der Jugend frohe Spiele Drängen sie sich grausend ein, Ein entsetzliches Gewühle, Nimmer kann ich fröhlich sein.
Und den Mordstahl seh ich blinken Und das Mörderauge glühn, Nicht zur Rechten, nicht zur Linken Kann ich vor dem Schrecknis fliehn, Nicht die Blicke darf ich wenden, Wissend, schauend, unverwandt Muß ich mein Geschick vollenden, Fallend in dem fremden Land.” -
Und noch hallen ihre Worte, Horch! da dringt verworrner Ton Fernher aus des Tempels Pforte, Tot lag Thetis′ großer Sohn! Eris schüttelt ihre Schlangen, Alle Götter fliehn davon, Und des Donners Wolken hangen Schwer herab auf Ilion.
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Interpretation
Das Gedicht "Kassandra" von Friedrich von Schiller schildert die tragische Situation der Seherin Kassandra, die die Zukunft voraussieht, aber von den Menschen nicht gehört wird. Während Troja im Festtagsjubel versinkt, weil der griechische Held Achilles Priamos' Tochter Polyxena heiraten soll, wandert Kassandra einsam und trauernd durch Apollos Lorbeerhain. Sie fühlt sich von den anderen Menschen ausgeschlossen, da sie die düstere Zukunft Trojas vorhersehen kann, die für die anderen verborgen bleibt. Kassandra beklagt in ihrer Klage, dass sie von Apollon, dem Gott der Weissagung, mit der Gabe der Voraussicht ausgestattet wurde, aber gleichzeitig verflucht, dass ihre Prophezeiungen ungehört bleiben. Sie sehnt sich danach, ihre "Blindheit" und den "fröhlich dunkeln Sinn" zurückzubekommen, da das Wissen um die kommende Zerstörung Trojas für sie zur Qual wird. Kassandra stellt die Sinnhaftigkeit der Offenbarung der Wahrheit in Frage, da sie nichts an dem unausweichlichen Schicksal ändern kann. Das Gedicht endet mit der Erfüllung von Kassandras Prophezeiung. Der Klang des Totengeläuts ertönt aus dem Tempel, Achilles liegt tot am Boden, Eris, die Göttin des Streits, schüttelt ihre Schlangen, und die Götter fliehen. Die schweren Wolken des Donners senken sich über Ilion, die Vorboten des nahenden Untergangs Trojas. Kassandras Klage und ihre vergeblichen Warnungen werden so durch die tatsächlichen Ereignisse bestätigt, aber zu spät, um das Schicksal der Stadt noch abwenden zu können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Festlich wallet Schar auf Schar
- Anapher
- Nimm, o nimm die traurge Klarheit
- Apostrophe
- Pythischer, du arger Gott!
- Bildsprache
- Des Donners Wolken hangen Schwer herab auf Ilion
- Hyperbel
- Alle Herzen sind beglückt
- Ironie
- Nicht euch Himmlische dort oben Neidet sie in ihrem Traum
- Kontrast
- In der Jugend frohe Spiele Drängen sie sich grausend ein
- Metapher
- Tot lag Thetis′ großer Sohn
- Paradox
- Nur der Irrtum ist das Leben, Und das Wissen ist der Tod
- Personifikation
- Eris schüttelt ihre Schlangen
- Symbolik
- Stygscher Schatten
- Synästhesie
- Sterbliches Gefäß zu sein
- Vorausdeutung
- Hör ich schon des Gottes Schreiten, Der sie jammervoll zerreißt