Kaspar Hauser Lied

Georg Trakl

1913

Er wahrlich liebte die Sonne, die purpurn den Hügel hinabstieg, Die Wege des Walds, den singenden Schwarzvogel Und die Freude des Grüns.

Ernsthaft war sein Wohnen im Schatten des Baums Und rein sein Antlitz. Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen: O Mensch!

Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend; Die dunkle Klage seines Munds: Ich will ein Reiter werden.

Ihm aber folgte Busch und Tier, Haus und Dämmergarten weißer Menschen Und sein Mörder suchte nach ihm.

Frühling und Sommer und schön der Herbst Des Gerechten, sein leiser Schritt An den dunklen Zimmern Träumender hin. Nachts blieb er mit seinem Stern allein; Sah, daß Schnee fiel in kahles Gezweig Und im dämmernden Hausflur den Schatten des Mörders.

Silbern sank des Ungebornen Haupt hin.

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Illustration zu Kaspar Hauser Lied

Interpretation

Das Gedicht "Kaspar Hauser Lied" von Georg Trakl erzählt die Geschichte des historischen Kaspar Hauser, eines rätselhaften Findelkindes, das 1828 in Nürnberg auftauchte und 1833 ermordet wurde. Das Gedicht beschreibt Kaspar Hausers einfache und reine Natur, seine Liebe zur Natur und seine Sehnsucht nach Freiheit. Im ersten Teil des Gedichts wird Kaspar Hausers Liebe zur Natur und seine unschuldige, kindliche Seele betont. Er liebt die untergehende Sonne, die Wege im Wald, den singenden Amsel und die grüne Freude. Sein Wohnen ist ernsthaft im Schatten des Baumes und sein Antlitz ist rein. Gott spricht eine sanfte Flamme zu seinem Herzen, was seine spirituelle Verbundenheit andeutet. Im zweiten Teil des Gedichts wird Kaspar Hausers Schicksal als Außenseiter und Wanderer beschrieben. Sein Schritt findet Stille in der Stadt am Abend, doch seine dunkle Klage ist, dass er ein Reiter werden will. Er wird von Busch und Tier, Haus und Dämmergarten weißer Menschen begleitet, doch sein Mörder sucht nach ihm. Der Frühling, Sommer und Herbst sind schön für den Gerechten, doch sein leiser Schritt führt ihn an die dunklen Zimmer Träumender vorbei. Nachts bleibt er mit seinem Stern allein und sieht den Schnee in das kahle Gezweig fallen und den Schatten des Mörders im Hausflur. Im letzten Teil des Gedichts wird Kaspar Hausers Tod angedeutet. Sein ungeborenes Haupt sinkt silbern hin, was seinen frühen Tod und die Tragik seines Lebens unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Melancholie und Trauer über das Schicksal des unschuldigen und reinen Kaspar Hauser, der ein Opfer der Grausamkeit und der Ungerechtigkeit der Welt wurde.

Schlüsselwörter

schatten schritt hin wahrlich liebte sonne purpurn hügel

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Stilmittel

Bildlichkeit
Sah, daß Schnee fiel in kahles Gezweig
Kontrast
Frühling und Sommer und schön der Herbst / Des Gerechten, sein leiser Schritt / An den dunklen Zimmern Träumender hin
Metapher
Silbern sank des Ungebornen Haupt hin
Personifikation
Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen
Symbolik
Ich will ein Reiter werden
Vorahnung
Und sein Mörder suchte nach ihm