Karneval

Ludwig Thoma

1867

Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung, Jetzt kommt wieder jene Zeit - versteht! -, Wo so manche Tugend ohne Ahnung Der Besitzerin abhanden geht.

Beutesuchend schleicht umher das Laster; Wer ist sicher, daß ihm nichts geschieht, Wenn man jetzt der Busen Alabaster Und beim Hofball auch die Nabel sieht?

Von den Blicken kommt es zur Berührung, Irgendwo zu einem Druck der Hand, Und so manches Mittel der Verführung Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!

Wenn an hochgewölbte Männerbrüste Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt, Regen sich von selbst die bösen Lüste Und was sonst damit zusammenhängt.

Darum Eltern, wenn die Geigen klingen Und die Klarinette schrillend pfeift, Hütet eure Tochter vor den Dingen, Die sie hoffentlich noch nicht begreift!

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Illustration zu Karneval

Interpretation

Das Gedicht "Karneval" von Ludwig Thoma beschreibt die Ausschweifungen und Verlockungen, die während der Karnevalszeit auftreten. Der Dichter warnt eindringlich vor den Gefahren, die insbesondere für junge Frauen in dieser Zeit lauern. Thoma malt ein düsteres Bild der Karnevalszeit, in der Tugenden verloren gehen und das Laster um sich greift. Er beschreibt, wie durch aufreizende Kleidung und körperliche Nähe beim Tanzen die Versuchung steigt. Der Dichter deutet an, dass es zu unanständigen Berührungen und Annäherungen kommt, die er aus Scham nicht näher ausführt. Die dritte Strophe verdeutlicht, wie die körperliche Nähe beim Tanzen, bei der sich "das zarte Fleisch der Mädchen" an "hochgewölbte Männerbrüste" drängt, unweigerlich zu "bösen Lüsten" führt. Thoma impliziert, dass es dabei nicht nur beim Tanzen bleibt, sondern zu weiteren unzüchtigen Handlungen kommt. In der abschließenden Strophe richtet sich der Appell des Dichters direkt an die Eltern. Er fordert sie auf, ihre Töchter vor den Verlockungen und Gefahren der Karnevalszeit zu bewahren, da diese die Tragweite der Situation noch nicht erfassen können. Thoma präsentiert ein sehr konservatives Bild der Karnevalszeit als einer Periode der Ausschweifung und Verführung, die es zu kontrollieren und einzudämmen gilt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung
Appell
Darum Eltern, wenn die Geigen klingen und die Klarinette schrillend pfeift, Hütet eure Tochter vor den Dingen, Die sie hoffentlich noch nicht begreift!
Bildsprache
Wenn an hochgewölbte Männerbrüste sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt
Hyperbel
Und beim Hofball auch die Nabel sieht
Metapher
Die Busen Alabaster
Personifikation
Beutesuchend schleicht umher das Laster