Kaiser Heinrich

Friedrich Gottlieb Klopstock

1724

Lass unsre Fürsten schlummern in weichem Stuhl, Vom Höfling rings umräuchert, und unberühmt, So jetzo, und im Marmorsarge Einst noch vergessner, und unberühmter!

Frag nicht des Tempels Halle; sie nennte dir Mit goldnem Munde Namen, die keiner kent: Bey diesen unbekränzten Gräbern Mag der Heralde, sich wundernd, weilen!

Lass dann, und jetzt sie schlummern! Es schlummert ja Mit ihnen der selbst, welcher die blutigen Siegswerthen Schlachten schlug, zufrieden, Dass er um Galliens Pindus irrte.

Zur Wolke steigen, rauschen, ihm ungehört, Der deutschen Dichter Haine, Begeisterer, Wehn nah am Himmel sie. Doch ihr auch Fremdling, erstieg er des Pindus Höh nicht.

Schnell Fluss, und Strom schnell, stürzen, am Eichenstam, In deinem Schatten, Palme, zwo Quellen fort. Ihr seht die reinen tiefen Quellen, Seht der Dichtenden Grundanlagen.

Weich, Ungeweihter! deinem zu trüben Blick Ist überschleiert Schönheit im Anbeginn; Bald rieselt sie nicht mehr als Quelle, Giesst in Gefilde sich, reisst das Herz fort!

Wer sind die Seelen, die in der Haine Nacht Herschweben? Liesst ihr, Helden, der Todten Thal? Und kamt ihr, eurer späten Enkel Rachegesang an uns selbst zu hören?

Denn ach wir säumten! Jetzo erschrecket uns Der Adler keiner über der Wolkenbahn. Des Griechen Flug nur ist uns furchtbar, Aber die Religion erhöhet

Uns über Hämus, über des Hufes Quell! Posaun′, und Harfe tönen, wenn sie beseelt; Und tragischer, wenn sie ihn leitet, Hebet, o Sophokles, dein Kothurn sich.

Und wer ist Pindar gegen dich, Bethlems Sohn, Des Dagoniten Sieger, und Hirtenknab′, O Isaide, Sänger Gottes, Der den Unendlichen singen konte!

Hört uns, o Schatten! Himmelan steigen wir Mit Kühnheit. Urtheil blickt sie, und kent den Flug. Das Maass in sichrer Hand, bestimmen Wir den Gedanken, und seine Bilder.

Bist du, der Erste, nicht der Eroberer Am leichenvollen Strom? und der Dichter Freund? Ja, du bist Karl! Verschwind, o Schatten, Welcher uns mordend zu Christen machte!

Tritt, Barbarossa, höher als er empor; Dein ist der Vorzeit edler Gesang! Denn Karl Liess, ach umsonst, der Barden Kriegshorn Tönen dem Auge. Sie liegt verkennet

In Nachtgewölben unter der Erde wo Der Klosteröden, klaget nach uns herauf Die farbenhelle Schrift, geschrieben, Wie es erfand, der zuerst dem Schall gab

In Hermanns Vaterlande Gestalt, und gab Altdeutschen Thaten Rettung vom Untergang! Bey Trümmern liegt die Schrift, des stolzen Franken Erfindung, und bald in Trümmern,

Und ruft, und schüttelt (hörst du es, Cellner, nicht?) Die goldnen Buckeln, schlägt an des Bandes Schild Mit Zorn! Den, der sie höret, nenn′ ich Dankend dem froheren Wiederhalle!

Du sangest selbst, o Heinrich: Mir sind das Reich Und unterthan die Lande; doch misst′ ich eh Die Kron′, als Sie! erwählte beydes Acht mir und Bann, eh ich Sie verlöre!

Wenn jetzt du lebtest, edelster deines Volks, Und Kaiser! würdest du, bey der Deutschen Streit Mit Hämus Dichtern, und mit jenen Am Kapitol, unerwecklich schlummern?

Du sängest selber, Heinrich: Mir dient, wer blinkt Mit Pflugschaar, oder Lanze; doch misst′ ich eh Die Kron′, als Muse, dich! und euch, ihr Ehren, die länger als Kronen schmücken!

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Illustration zu Kaiser Heinrich

Interpretation

Das Gedicht "Kaiser Heinrich" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist eine Reflexion über die Vergänglichkeit und den Ruhm, die sich um die Herrscher und Dichter dreht. Klopstock kontrastiert die vergessenen Fürsten, die in weichem Stuhl schlummern, mit den ewigen Dichtern, deren Werke und Ideen überdauern. Er betont die Bedeutung der deutschen Dichter und ihrer Inspiration, die wie Quellen fließen und das Herz berühren. Klopstock erwähnt historische Figuren wie Karl den Großen und Barbarossa, die als Eroberer und Förderer der Dichtkunst dargestellt werden. Er beklagt jedoch, dass die Schriften und Taten dieser Herrscher oft vergessen oder unerkannt bleiben. Der Dichter fordert die Leser auf, die Schönheit und Tiefe der Dichtkunst zu schätzen und zu bewahren, anstatt sich von den vergänglichen Ruhmestaten der Herrscher blenden zu lassen. Abschließend würdigt Klopstock den Kaiser Heinrich als edlen Herrscher und Förderer der Dichtkunst. Er stellt sich vor, dass Heinrich, wenn er heute lebte, nicht unberührt von den Konflikten zwischen den Dichtern bleiben würde. Das Gedicht ist eine Hommage an die Kraft der Dichtkunst und ihre Fähigkeit, die Zeit zu überdauern und die Herzen der Menschen zu berühren.

Schlüsselwörter

schlummern bey selbst schatten lass jetzo keiner kent

Wortwolke

Wortwolke zu Kaiser Heinrich

Stilmittel

Alliteration
Schnell Fluss, und Strom schnell
Anspielung
Des Griechen Flug nur ist uns furchtbar
Bildsprache
Schnell Fluss, und Strom schnell, stürzen, am Eichenstam, In deinem Schatten, Palme, zwo Quellen fort.
Hyperbel
Des Griechen Flug nur ist uns furchtbar
Kontrast
Du sangest selber, Heinrich: Mir dient, wer blinkt Mit Pflugschaar, oder Lanze; doch misst′ ich eh Die Kron′, als Muse, dich!
Metapher
Zur Wolke steigen, rauschen, ihm ungehört
Personifikation
Des Griechen Flug nur ist uns furchtbar
Symbolik
Der deutschen Dichter Haine, Begeisterer