Kaiser Friedrichs des Zweiten Sarg
1804So je im Tempel Ernstes und Heiliges Das Herz mir traf in großen Entfaltungen, Des Gottes dunkle Offenbarung Schauer mir goß in des Geistes Tiefen,
Und wär′ es Blut und Leib des Erlösers selbst, Da ihn mein Mund berührte zum erstenmal, So Unaussprechliches im Herzen Nicht an der Treppe des Altars fühlt′ ich,
Und zürnte mir der Himmel und zürnte mir Die Erde, die im Staube Gebete lallt, Doch sei′s bekannt, vor deinem Sarge Feiert′ ich größere, kühn′re Andacht.
Du hier, o ew′ge Glorie des Vaterlands, Des deutschen Scepters herrlichster Fürst und Held, Du Schöpfer nie gewagter Thaten, Kämpfer des Lichts und der bessern Wahrheit,
Der größer als der Sieger der Hydra einst, Der sichtbaren, mit schrecklicherm Feinde rang, Mit gift′germ Ungeheur, mit blut′germ; Ohne Gestalt und verwundbar Wesen
Trug es so viel der Häupter, der streitenden, Als Herzen athmen, flammende Nahrung sog′s Im Osten, Schweif und Drachenflügel Schlug den zertretnen, zermalmten Abend.
Des Rachens unersättlicher Schlund am Strand Des Tibers gähnt′ er, Throne zertrümmert′ er, Ein groß Jahrtausend war sein Leben, Rühmt′ er nicht selbst sich des Himmels Wächter,
Dein Feind, o Friedrich? Größern bekämpfte nie Ein Held, sei′s denn der Engel des Schwerts vielleicht, Der Belial schlug. O Staub des Herrschers, Betet′ ich Irdisches an, du wärst es.
Des Bannstrahls denk′ ich, den aufs gekrönte Haupt Roms frechster Priester schleuderte, Volk und Land Mit Fluch beladend und der Menschheit Heiligste Fesseln, der Wüthrich, sprengend.
Du aber, Kaiser, weintest in hohem Zorn Und riefst: Des Reiches Kronen o bringt mir sie! Und aufs geweihte Haupt sie setzend Sprachst du in Flammen gekränkten Herzens:
Wer nähme mir die Krone von diesem Haupt? Der Worte denk′ ich, und in der Seele mir Grollt bittrer Zorn; vom Sarge, dünkt mir, Stiegest empor du in deiner Hoheit,
Des Domes Säulen stürzend und fragend: Wer, Wer nähme mir die Krone vom Kaiserhaupt? Und Hände ringend, Tod im Auge, Riefe der Staufe: Wo ist mein Enkel?
Sein Blut komm′ über euch und den Priesterstuhl, Mein letztes Blut, mein theuerstes, über euch Komm′ es! Gerichtet hat die Stimme Längst schon der Menschheit, und kommen wird er,
Der Tag, wo Jener richtet, der mich dem Staub Anheim gab, fordern wird er von euch die Schuld, Und ist auch dreifach eure Krone, Dreifach mit Greueln beladen ist sie!
So dünkt mir, spricht weissagend der Geist; doch längst Grollt ihm der Priester, grollt ihm die Mutter selbst, Die allbarmherz′ge, nicht mehr; friedlich Ruhet im Tempel des Kaisers Asche.
Und fern vom goldnen Altar erschallt der Chor Zu Friedrichs Einsamkeit und des Vaters Sarg, Als wollt′ er ihren Zorn, als wollt′ er Reuig den rächenden Gott besänft′gen.
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Interpretation
Das Gedicht "Kaiser Friedrichs des Zweiten Sarg" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine leidenschaftliche und kritische Auseinandersetzung mit dem Leben und Vermächtnis Kaiser Friedrichs II. Der Sprecher reflektiert über die tiefe Ehrfurcht und Bewunderung, die er für den Kaiser empfindet, und kontrastiert dies mit den traditionellen religiösen Riten. Waiblinger schildert Friedrich als einen mutigen und visionären Herrscher, der gegen die unterdrückerischen Kräfte seiner Zeit kämpfte, insbesondere gegen den Einfluss des Papstes und die dogmatische Kirche. Der Dichter beschreibt den Kaiser als einen Helden, der sich den größten Herausforderungen stellte, symbolisiert durch den Kampf gegen ein monströses Ungeheuer, das für die zerstörerischen Kräfte der Kirche steht. Friedrichs Kampf für das Licht und die bessere Wahrheit wird als ein edler Kampf gegen die Dunkelheit und Unwissenheit dargestellt. Die Exkommunikation durch den Papst wird als ein Akt der Tyrannei und Unterdrückung dargestellt, dem sich Friedrich mutig entgegenstellte. Das Gedicht endet mit einer Vision von Vergeltung und Gerechtigkeit, in der der Sprecher prophezeit, dass der Tag kommen wird, an dem die Schuld der Kirche und des Papstes gerichtet wird. Trotz dieser düsteren Vision findet das Gedicht einen versöhnlichen Abschluss, in dem der Sprecher die friedliche Ruhe von Friedrichs Asche im Tempel anerkennt. Die letzten Zeilen deuten auf eine Art von Versöhnung oder Besänftigung hin, möglicherweise durch die Anerkennung von Friedrichs Einsamkeit und dem Opfer seines Vaters.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Der größer als der Sieger der Hydra einst
- Anapher
- Und zürnte mir der Himmel und zürnte mir
- Hyperbel
- Ein groß Jahrtausend war sein Leben
- Metapher
- Des Gottes dunkle Offenbarung
- Personifikation
- Die Erde, die im Staube Gebete lallt
- Vergleich
- Du hier, o ew'ge Glorie des Vaterlands