Kaiser Friedrich der Zweite

Conrad Ferdinand Meyer

1882

In den Armen seines Jüngsten Phantasiert der sieche Kaiser, An dem treuen Herzen Manfreds Kämpft er seinen Todeskampf.

Mit den geisterhaften blauen Augen starrt er in die Weite, Während seine fieberheisse Rechte presst des Sohnes Hand:

“Manfred, lausche meinen Worten! Drüben auf dem Marmortische Mit den Greifen liegt mein gültig Unterschrieben Testament.

Eine Kutte, drin zu sterben, Schenkten mir die braven Mönche, Dass ich meine Seele rette Trotz dem Bann des heilgen Stuhls.

Manfred, meines Herzens Liebling, Lass den Herold auf den Söller Treten und der Erde melden, Dass der Hohenstaufe schied.

Manfred mit den blonden Locken, Sarge prächtig ein die Kutte, Führe sie mit Schaugepränge Nach dem Dome von Palerm!

Weisst du, Liebling, das Geheimnis? Diese Nacht in einer Sänfte Tragen meine Sarazenen Sacht mich an den Strand des Meeres.

Meiner harrt ein schwellend Segel: Auf des Schiffes Deck gelagert, Fahr entgegen ich dem Morgen Und dem neugebornen Strahl.

Fern auf einem Vorgebirge, Das in blaue Flut hinausragt, Steht ein halb zertrümmert Kloster Und ein schlanker Tempelbau.

Zwischen Kloster und Rotunde Schlagen wir das Zelt im Freien. Selig atm ich Meer und Himmel, Bis mich Schlummer übermannt.”

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Illustration zu Kaiser Friedrich der Zweite

Interpretation

Das Gedicht "Kaiser Friedrich der Zweite" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von den letzten Stunden des sterbenden Kaisers Friedrich II. In seinen Armen hält er seinen Sohn Manfred, mit dem er seinen Todeskampf auskämpft. Der Kaiser blickt mit geisterhaften blauen Augen in die Weite, während er Manfred seine letzten Worte diktiert. Er weist ihn an, den Herold auf den Söller zu schicken, um der Welt seinen Tod zu verkünden. Zudem bittet er Manfred, die Kutte, die ihm die Mönche geschenkt haben, um seine Seele zu retten, prächtig in einem Sarg zum Dom von Palermo zu bringen. Das Gedicht zeichnet ein Bild von Friedrich II. als einem Mann, der trotz des Kirchenbanns an seinen Glauben und seine Seele glaubt. Die Kutte symbolisiert seine Hoffnung auf Erlösung und die Errettung seiner Seele. Die Anweisungen an Manfred zeigen die Sorge des Kaisers um sein Erbe und seinen Wunsch, dass sein Tod gebührend gefeiert wird. Die Erwähnung der Sarazenen und des Schiffes deutet auf eine geheime Flucht hin, die Friedrich II. für die Nacht geplant hat. Das Gedicht endet mit einer Vision von Friedrich II. auf einem Vorgebirge, wo er zwischen einem halb zerstörten Kloster und einem Tempelbau sein Zelt aufschlägt. Dort will er die Freiheit des Meeres und des Himmels genießen, bis ihn der Schlaf übermannt. Dies könnte als Metapher für den Übergang ins Jenseits interpretiert werden, wo Friedrich II. Frieden und Erlösung findet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Trotz dem Bann des heilgen Stuhls
Bildsprache
Fahr entgegen ich dem Morgen und dem neugebornen Strahl
Hyperbel
Führe sie mit Schaugepränge nach dem Dome von Palerm
Kontrast
Zwischen Kloster und Rotunde schlagen wir das Zelt im Freien
Metapher
In den Armen seines Jüngsten phantasiert der sieche Kaiser
Personifikation
An dem treuen Herzen Manfreds kämpft er seinen Todeskampf
Symbolik
Meiner harrt ein schwellend Segel
Vorausdeutung
Weisst du, Liebling, das Geheimnis?