Justinus Kerner

Gottfried Keller

1840

Dein Lied ist rührend, edler Sänger, Doch zürne dem Genossen nicht, Wird ihm darob das Herz nicht bänger, Das, dir erwidernd, also spricht:

“Die Poesie ist angeboren, Und sie erkennt kein Dort und Hier! Ja, ging die Seele mir verloren, Sie führ′ zur Hölle selbst mit mir.

Inzwischen sieht′s auf dieser Erde Noch lange nicht so graulich aus, Und manchmal scheint mir, dass das Werde! Ertön′ erst recht dem “Dichterhaus”.

Schon schafft der Geist sich Sturmesschwingen Und spannt Eliaswagen an; Willst träumend du im Grase singen, Wer hindert dich, Poet, daran?

Ich grüsse dich im Schäferkleide, Herfahrend - doch mein Feuerdrach′ Trägt mich vorbei, die dunkle Heide Und deine Geister schaun uns nach.

Was deine alten Pergamente Von tollem Zauber kund dir tun, Das seh′ ich durch die Elemente In Geistes Dienst verwirklicht nun.

Ich seh′ sie keuchend glühn und sprühen, Stahlschimmernd bauen Land und Stadt, Indes das Menschenkind zu blühen Und singen wieder Musse hat.

Und wenn vielleicht in hundert Jahren Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein Durchs Morgenrot käm′ hergefahren Wer möchte da nicht Fährmann sein?

Dann bög′ ich mich, ein sel′ger Zecher, Wohl über Bord von Kränzen schwer, Und gösse langsam meinen Becher Hinab in das verlassne Meer.”

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Illustration zu Justinus Kerner

Interpretation

Das Gedicht "Justinus Kerner" von Gottfried Keller ist eine leidenschaftliche Verteidigung der Poesie und ihrer ewigen Natur. Der Sprecher, der sich selbst als "Genosse" des edlen Sängers bezeichnet, argumentiert, dass die Poesie angeboren ist und keine Grenzen kennt. Er betont, dass die Poesie selbst in der Hölle mit ihm gehen würde, wenn seine Seele verloren ginge, was die tiefe Verbundenheit des Dichters mit seiner Kunst unterstreicht. Der zweite Teil des Gedichts zeichnet ein optimistisches Bild von der Zukunft der Poesie und ihrer Rolle in der Gesellschaft. Der Sprecher sieht den Geist, der sich "Sturmesschwingen" schafft und "Eliaswagen" anspannt, was auf die Kraft und den Einfluss der Poesie anspielt. Er betont, dass jeder, der im Gras träumend singen möchte, dies tun kann, und dass die Poesie ihn in seinem Schäferkleid grüßt. Dies deutet darauf hin, dass die Poesie alle Menschen einschließt und ihnen die Freiheit gibt, sich auszudrücken. Im letzten Teil des Gedichts sieht der Sprecher die Verwirklichung des poetischen Zaubers in der modernen Welt. Er beschreibt, wie die Elemente in den Dienst des Geistes gestellt werden, um Stahl zu schmieden und Städte zu bauen, während die Menschen Zeit haben zu blühen und zu singen. Die Vision eines Luftschiffs, das in hundert Jahren mit Griechenwein durch das Morgenrot fährt, symbolisiert die ewige und universelle Natur der Poesie. Der Sprecher würde gerne der Fährmann sein, der das Schiff begrüßt und seinen Becher in das verlassene Meer gießt, was die tiefe Verbundenheit des Dichters mit seiner Kunst und der Welt, die sie inspiriert, unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Ich seh′ sie keuchend glühn und sprühen, Stahlschimmernd bauen Land und Stadt
Hyperbel
Ja, ging die Seele mir verloren, Sie führ′ zur Hölle selbst mit mir
Metapher
Dann bög′ ich mich, ein sel′ger Zecher, Wohl über Bord von Kränzen schwer, Und gösse langsam meinen Becher Hinab in das verlassne Meer
Personifikation
Die Poesie ist angeboren, Und sie erkennt kein Dort und Hier