Juni – 24. November

Ferdinand Freiligrath

1849

So sei´s! Vor Gott, vor Gott will ich, ich ihn verklagen! Weib, Törin, Muse nur – dennoch will ich es wagen! Denn mein französisch Herz hat schaudernd sich empört; Der Wahrheit hehrer Geist ist in mir eingekehrt; Begeisternd Fieber fühl´ ich quälend heim mich suchen – Ich hör´ in meinem Schlaf die Mütter ihn verfluchen, Und was in Demut auch beschloß die Schmeichlerbrut – Ich seh´ es: über ihn allein kommt all´ dies Blut!

Ich sag´, ich sage euch: die Nemesis ist träge! Er, er allein goß Blut, Frankreich, auf deine Wege! Denn Blut, französisch Blut, gilt diesem Mann nicht viel, Was ist ihm unser Tod? Ein Stich in seinem Spiel! Ich schrei´ aus tiefer Brust – und wahr ist, was ich dichte! Ich hasse die Partei´n, ich hab´s mit der Geschichte! Bewiesen hab´ ich es: nur Frankreich ist mein Stern! Könnt´ er dem Retter sein: o ich vergäb´ ihm gern! – Doch sag´ ich wiederum: Schuldig! ist mein Erkenntnis – Erdrückt, verdammt ihn nicht das eigene Geständnis? Indessen die Gefahr emporwuchs um uns her, Indes die Freunde tot hinstürzten – was tat er? Gerieselt kam das Blut in Strömen, in Kaskaden, Bis zu der Häuser Stirn stiegen die Barrikaden, Ha, wie die rote Glut im Kreis die Stadt umlief! Der Tod hielt Wache rings! – Er aber schlief! – Er schlief! Daß den Verteidiger des Volkes man erhebe! Hoch der Endymion des Bürgerkriegs! Er lebe!

Ihr sagt: der Schlaf im Feld ist ja der Stolz der Helden, Der Helden? – Sei´s! doch nie der Henker, hört´ ich melden! Napoleon schlief sanft die Nacht vor einem Sieg – Wohl, das war eben Mut, und Krieg ist immer Krieg! Er hatte sich den Feind gewählt für seinen Degen – Im Bürgerkriege nie würd´ er zur Ruh´ sich legen! Sie schliefen, General! Ach, und wir armen Frau´n, Wir, die das Feld nicht stählt, wir in dem blut´gen Grau´n Der langen Kampfesnacht, drin alle Kugeln trafen – Wir, Feldherr, beteten; wir haben nicht geschlafen! Pfui! – Wie doch Ihrem Ruhm der Schlaf die Kron´ aufsetzt! Mit Lächeln honigsüß, mit Worten wohlgesetzt Empfingen Sie für ihn, hoch auf der Rostra Stufen, Der ernsten Assemblée vereintes Bravorufen!

Ihr, die für hehren Tod ihr ihm verpflichtet seid: Sein schönstes Opfer du, Martyr im Priesterkleid! Du nachgebornes Kind, Bluterbe düstrer Jahre – Zu frühe Waise du, gewiegt auf einer Bahre! Entzweite Brüder ihr! Jungfrauen! bleich, verzagt; Die ihr als einz´gen Schmuck blutfeuchte Palmen tragt! Ihr alle, die ihr ihn anklagt vor Gottes Throne, Die er für ew´ge Zeit getrennt mit kaltem Hohne: Gattinnen, Schwestern ihr! Und du in deinem Schmerz Gebeugtes, zuckendes, zerriss´nes Mutterherz; Du, das jetzt keinen Sohn mehr hat, als kalte Knochen – Hat jener Bravoruf sich Bahn zu Euch gebrochen?!

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Illustration zu Juni – 24. November

Interpretation

Das Gedicht "Juni – 24. November" von Ferdinand Freiligrath ist eine scharfe Anklage gegen Louis Napoléon Bonaparte, den späteren Kaiser Napoleon III., nach den blutigen Straßenkämpfen des Juniaufstands 1848 in Paris. Freiligrath, ein politischer Lyriker und Demokrat, verurteilt den Präsidenten der französischen Republik als verantwortlich für das Blutvergießen und wirft ihm Feigheit und Gleichgültigkeit vor. Der Dichter, der sich selbst als "Weib, Törin, Muse" bezeichnet, bekennt sich zu seiner Wahrheit und seiner Empörung über die Gewalt und das Leid, das der Machthaber verursacht hat. Er sieht in ihm den alleinigen Schuldigen und fordert eine gerechte Strafe von der göttlichen Nemesis. Freiligrath beschreibt, wie das Blut der Franzosen für Napoleon III. nichts wert ist und wie er ihren Tod als einen Stich in seinem Spiel betrachtet. Der Dichter betont seine Verbundenheit mit der Sache Frankreichs und seine Ablehnung von Parteien und politischen Intrigen. Er hätte dem Retter verziehen, wenn er einer gewesen wäre, aber er sieht nur Schuld in seinem Handeln. Der Dichter weist darauf hin, dass Napoleon III. während der Gefahr und dem Tod der Freunde geschlafen hat, während die Verteidiger des Volkes und die Frauen in Angst und Schmerz wachten. Er vergleicht ihn mit dem Endymion, einem schlafenden Geliebten der Mondgöttin, und spottet über den Beifall, den er für seinen Schlaf erhalten hat. Freiligrath wendet sich an die Opfer des Juniaufstands, die Märtyrer, die Waisen, die getöteten Brüder, die bleichen Jungfrauen und die trauernden Mütter. Er fragt, ob der Beifall für Napoleon III. auch zu ihnen durchgedrungen ist und ob sie ihn hören können. Das Gedicht ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Opfer des autoritären Regimes und ein Aufruf zur Gerechtigkeit und zur Erinnerung an die Opfer des Juniaufstands.

Schlüsselwörter

blut schlaf tod schlief gott will französisch allein

Wortwolke

Wortwolke zu Juni – 24. November

Stilmittel

Anapher
Indes die Freunde tot hinstürzten – was tat er? Rieselte kam das Blut in Strömen, in Kaskaden
Frage
Hat jener Bravoruf sich Bahn zu Euch gebrochen?!
Hyperbel
Was ist ihm unser Tod? Ein Stich in seinem Spiel!
Metapher
kalte Knochen
Personifikation
Der Wahrheit hehrer Geist ist in mir eingekehrt