Junggesellentod

Anastasius Grün

1806

Der unbeweibte Ritter liegt Im Sterbepfühl voll Gram, Kein Weib sich weinend an ihn schmiegt, Kein Sohn um Segen kam.

Im Vorgemach der Mägde Schaar Flicht mit Gesang den Kranz, Zu schmücken seine Todtenbahr’ Mit reiner Lilien Glanz.

Da faßt den Ritter herbes Weh: »O daß ich hier allein, Der letzte meines Stamms, vergeh’ Und sink’ ins Nichts hinein!

Es sproßt der Baum, vermodert schon, In Sam’ und Wurzeln fort! Die flücht’ge Wolke ist der Sohn Des Stroms, im Sand verdorrt!«

Da reicht der Schloßkaplan zum Kuß Ein Demantkreuz ihm dar: »Dieß Kreuz schickt Hedwig euch zum Gruß, Die meine Mutter war.«

»Und wenn dir Hedwig Mutter heißt, Nenn’ ich lieb Söhnlein dich! Es senke tief in deinen Geist Der Segen Gottes sich!

Dieß Schloß mit Burgkapell’ und Wart’, Als Erbtheil fall’s dir zu: Nicht mit Gebet und Mess’ gespart Für meiner Seele Ruh’!«

Ein Röslein von Rubinen rein Beut ihm des Gärtners Hand: »Frau Adelheid, mein Mütterlein, Entsendet euch dieß Pfand!«

»Ist Adelheid dein Mütterlein, Mir an die Brust, mein Kind! Ins Herz und auf die Blumen dein Fleuß’ Gottes Segen lind!

Dir schenk’ ich Garten, Wies’ und Hain Und dort das Winzerhaus; Du sorgst wohl, daß auf meinem Stein Nie gehn die Blumen aus.«

Es trat sein Page drauf vor ihn Mit einem Ring von Gold: »Dieß schickt euch Mutter Melusin’, Ob ihr’s erkennen wollt?«

»O Melusinens Sohn, sei mir Mein liebstes Kind genannt! Gott’s Segen stähle für und für Dir Brust und Mark und Hand!

Das schönste Rößlein, das mich trug, Mein bestes Schwert sei dein: Das trägt noch meinen Namenszug, Führ’s würdig dein und mein.«

Da rauschen Tritte vor dem Schloß, Da hört er Kinderschrei: »O Gott, dein Segen ist zu groß!« Da bricht sein Herz entzwei.

Dem Glockenklang, dem Sarge nach Viel Volk man wallen sah, Des Ritters Wappenschild zerbrach Des Kaisers Herold da.

Am Sarg der Junggesellenkranz, Bevor er sinkt zur Gruft, Grüßt in gar wunderseltnem Glanz Noch Berg und Thal und Luft.

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Illustration zu Junggesellentod

Interpretation

Das Gedicht "Junggesellentod" von Anastasius Grün beschreibt die letzten Momente eines unverheirateten Ritters, der ohne Nachkommen stirbt. Der Ritter liegt im Sterben, ohne dass eine Frau oder ein Sohn bei ihm ist, was seine Einsamkeit und das Ende seines Geschlechts symbolisiert. Im Vorraum flechten die Mägde einen Kranz aus Lilien, um seinen Tod zu schmücken, was die Reinheit und den unberührten Zustand des Ritters unterstreicht. Der Ritter empfindet tiefes Weh darüber, der letzte seines Stamms zu sein und ins Nichts zu sinken, während er die Vergänglichkeit des Lebens und die Fortsetzung der Natur durch Samen und Wurzeln reflektiert. Die Ankunft von drei Personen, die sich als Kinder des Ritters ausgeben, bringt eine Wende in der Stimmung des Gedichts. Der Schlosskaplan, der Gärtner und der Page bringen jeweils ein Geschenk und bezeichnen sich als Kinder des Ritters, was ihm große Freude bereitet. Der Ritter segnet sie und überträgt ihnen sein Erbe, einschließlich des Schlosses, des Gartens und seiner persönlichen Habe. Die Erwähnung von Hedwig, Adelheid und Melusin als Mütter der Kinder fügt eine mystische und möglicherweise übernatürliche Dimension hinzu, die auf die Legende von Melusine anspielt. Im letzten Teil des Gedichts erreicht die emotionale Intensität ihren Höhepunkt, als der Ritter Kinderstimmen vor dem Schloss hört. Überwältigt von der Fülle des Segens, den er empfängt, bricht sein Herz, und er stirbt. Die Beerdigung wird von vielen Menschen besucht, und der Herold des Kaisers zerbricht den Wappenschild des Ritters, was das Ende seiner Linie symbolisiert. Der Kranz der Junggesellen, der am Sarg platziert wird, verabschiedet sich in einem wundersamen Glanz von Berg, Tal und Luft, was die Transzendenz und die ewige Natur des Abschieds betont.

Schlüsselwörter

segen dieß sohn mutter ritter kein glanz schickt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Berg und Thal und Luft
Anapher
Dieß Schloß mit Burgkapell’ und Wart’, / Als Erbtheil fall’s dir zu: / Nicht mit Gebet und Mess’ gespart / Für meiner Seele Ruh’!
Hyperbel
O Gott, dein Segen ist zu groß!
Metapher
Die flücht’ge Wolke ist der Sohn / Des Stroms, im Sand verdorrt!
Personifikation
Kein Weib sich weinend an ihn schmiegt, / Kein Sohn um Segen kam.
Symbolik
Junggesellenkranz